(“Resi Denz am Schifffahrtskanal“)

Kurt Beck bekommt wohl doch kein Denkmal in Form einer Brücke über den Strom im Mittelrheintal. Der letzte sozialdemokratische Landesvater muß abspecken. Die Moseltalverhunzbrücke wird auch fallen! Wir leben nicht mehr in den siebziger Jahren: Beton, Beton, Beton. Und drei Pflanzkübel nahebei.

Zweitausend Jahre Kulturlandschaft gegen den genau drei Kubikmeter mit groben Kieselsteinen durchmischten Zement umfassenden persönlichen Inhalt so eines visionären Großpolitikers.

Einmal, einmal, die Grünen beim Wort nehmen.

Der freie Rhein! Ein Fluß voller Fähren.

Rock El Casbah

14. Januar 2011

Eine Revolution. Die Jasmin-Revolution. Etwas kann sich doch in dieser Welt bewegen. Und was haben sie uns nicht alle erzählt über die “arabische Straße”, über Mentalitäten und Kulturen und über den autochthonen Drang zur Selbstunterdrückung. Wir beglückwünschen die Tunesier, wir hoffen für die Menschen in Teheran, in Damaskus, in Cairo oder in Gaza, für die Menschen in der “Islamischen Welt”.

Rock El Casbah bzw. Rock the Casbah.

Auf daß nicht nur Ben Ali in seinen letzten Stunden als Autokrat sich die Frage gestellt haben muß: Should I stay or should I go now?

Aus der Jungle World No. 47/ 2010

Nachts versammeln sich alle meine Vorfahren in meinem Zelt, Kalifen und Derwische und Paschas in hohen Turbanen.« Als Else Lasker-Schüler 1911 diesen Satz niederschrieb, begann sie gerade die für ihr Werk zentrale Kunstfigur des Jussuf Prinz von Theben bildlich zu konkretisieren. Dass die Dichterin, nach dem Urteil Gottfried Benns »die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte«, auch eine großartige Zeichnerin war, daran erinnert derzeit eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt. Anschließend werden die Exponate im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein. In der Ausstellung sind viele der fragilen, auf Formularen, Notizzetteln oder zwischen Briefzeilen eingefangenen Abbilder Prinz Jussufs und seines Hofstaates zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung enthält zugleich das erste Werkverzeichnis des bildnerischen Schaffens von Lasker-Schüler. Ihr meist mit Tusche, Bleistift und Buntstift gezeichneter, ebenso phantastischer wie bunter Orient wird in dieser Dichte und Fülle dem Betrachter zum ersten Mal umfassend erschlossen. Den Rest des Beitrags lesen »

Schöner Gedenken

9. November 2009

Mutmaßlich stereotypisch. Gar nicht dramatisch. Bloß normal. Gedenken, ja wie Gedächtnis. Und ein bißchen Schick muß sein. Wir feiern den 9. November. Die Mauer, nein, um die geht es hier gerade nicht.

Es war nur eine Spazierfahrt gestern, wir sind auf dem Rückweg gen Hauptbahnhof mit dem Fahrrad beim Schlachthof abgebogen, tatsächlich rein zufällig. Ich war da schon sehr lange nicht mehr. Der Wiesbadener Schlachthof, erst Schlachthof, dann Judenrampe, dann wieder Schlachthof, schließlich alternatives Kulturzentrum, nun in einem “Kulturpark” gelegen. Ja, der Wiesbadener Schlachthof bietet tatsächlich eine repräsentative deutsche Kulturgeschichte.

Ein spannungsvolles Terrain. Es war mal sehr versifft und subkulturell. Das kann man nicht bewahren und es wäre auch widersinnig. Keine Frage. Aber ich erinnere mich an das lange Gatter. Das Viehgatter, für das Vieh, das am Schlachthof ankam. Dieses Gatter war verostet, besprayt, da wuchs unten Gras aus dem Boden, das Gleis davor war wegerissen worden. Ein desaströser Anblick. Im Hintergrund die Schlachthofhalle, sie sah auch verrottet aus, oft gräßliche, laute Konzerte fanden darin statt. Im Vordergrund rauschte die S-Bahn nach Frankfurt orangefarben rein und raus.

Diese Bilderserie tauchte auf.  Zuerst als Bilder von den Frankfurter Deportationen bewertet – die ja ebenfalls vom lokalen Schlachthof aus losgingen – dann wurde irgendwann klar, es waren Bilder aus Wiesbaden. Und man stand nachts an diesem langen verrosteten Gatter, es war ein ganzer Bahnsteig, hielt sich an dem Geländer fest und dachte, ja, hier, genau. Im Hintergrund dröhnte Musik, damals oft noch eher unkommerziell, aber egal. Wenn dieses dubiose Wort denn eine  Bedeutung hat, dann war dieses Gatter authentisch. Man stand an der Judenrampe, ob man sich das klar machen wollte, ob man gerade andere Probleme hatte, oder nicht. Aber das Gatter war da. Und vor einem fuhren die S-Bahnen in den Hauptbahnhof ein und aus. Ein spontaner Gedanke war damals, man müßte eigentlich nur diese Bilder von der Deportation an diesem langen Gatter anbringen. Es wäre eine Gedenkstätte gewesen. Eine der robusten Art. Ach, und  ganz billig. Und mit vielen Jugendlichen nachts als Publikum.

Aber jetzt ist das ja ein Kulturpark. An einem Ende des Gatters hat man vom ehemaligen Gebäude einer Ölmühle eine  Ecke stehen lassen. Sie wurde von einem Sprayer vor zwei Jahren mit einem Deportationsbild in Grau-braun besprüht.

Nun ist die Ecke von einem Bauzaum umgeben, angeheftete Farbkopien am Bauzaun fordern Rücksichtnahme für das übertünchte Graffitti. Wahrscheinlich war der eingeforderte “respect” der jungen Menschen nicht so groß. Aber bestimmt wird das Bild wieder hegestellt. Es soll  ja ein Denkmal im “Kulturpark” werden.

Ich stehe mit meinem Fahrrad im Nieselregen. Da, wo das Gatter entlanglief, ist eine Baustelle. Erdwälle, Gruben, der ganze ehemalige Bahnsteig ist weg. Man ahnt die künftige schöne Liegewiese stattdessen. Aber nein, man liest nach, eine Kastanienallee soll hier gepflanzt werden, sogar ein Künstler ist beauftragt worden. Ein richtig schöner Gedenkplatz wird das werden. Im Kulturpark. Ist hier irgendjemandem etwas vorzuwerfen?Aber nein, wieso auch? Der Anstoß kam von einer besonders pragmatisch-grünen Kulturdezernentin.

Und ja, das Gatter ist noch da. Neben der übriggebliebenen Fabrikecke. Zwei Gatterelemente stehen aufrecht zwischen den Erdhügeln. Geschätzte zwei Meter Erinnerung. Wenn das Erinnerungsgraffiti wieder einmal hergestellt ist – es wird versaut sein binnen Halbjahresfrist, ach was, – ich als Jugendlicher würde mich auch herausgefordert fühlen, diese Art von “Gedenken” kreativ weiterzuentwickeln.

Es gibt Denkmäler, die sind schlimmer als das Nicht-Gedenken. Es gibt “Denkmäler”, die sind das Nichtgedenken.

Es gab ein langes rostiges Gatter, an einem aufgelassenen Bahnsteig in Wiesbaden. Es war furchtbar.

Und es ist weg. Aber die Landeshaupstadt Wiesbaden ist besonders gedenkfreudig. So ein schönes Gedenken.

Hurra. Hurra. Hurra

Zum Nachlesen: Allerbeste  Intentionen, schönste Worte, faireweise zu sagen, Leute, die wohl kaum mitentschieden haben.

In der Regionalbahn

6. August 2009

Der Waggon hatte sich mit Fahrgästen gefüllt, die meisten hatten einen Tagesrucksack auf dem Schoß, hinter der Abteiltür stritt der Schaffner mit einem Mountainbikebesitzer über die ordnungsgemäße Aufbewahrung von Fahrrädern im Radfahrerabteil, das sich an ganz anderer Stelle im Zug befand. Wenn die Bahn hielt, lagen vor dem Fenstern nun diese seltsam verwahrlost aussehenden kleinen Bahnhöfe, zwischen deren Abstellgleisen Büsche wucherten. Mit Mauern und Geländern, die bräunlich angelaufen waren.

Dann weitete sich die Landschaft, Rebhänge, immer mehr Rebhänge. Brezelkauend deutete er auf eine ferne mit Bäumen bestandene Hügelkuppe zwischen den Weinbergen.

Dort oben, am Goethestein habe Goethe einmal gestanden und heruntergeblickt.

Sie nickte andächtig.

Goethe, ach so.

Hinter Eltville fuhren sie durch ein Rebenmeer, grüne Wogen, die anstiegen bis zum bewaldeten Saum des Rheingaugebirges. So stand es auf tatsächlich der Karte, die er auf seinen Knien halb ausgebreitet hielt: Gebirge. Er fragte sie, ob die Gipfel dort wohl sehr schroff seien? Was sie meine? Vielleicht gar Semialpin? Er begann, auf dem letzten Rest Bretzel herumzulutschen.

Ob er immer noch von den bewaldeten Hügeln spreche, wollte sie wissen. Und er solle nicht immer alles so wortwörtlich in die Realität übertragen, was er gedruckt vorfinde.

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