Pinienfett

19. September 2009

Immer diese Krankenakten. Akten in der Farbe von Staub, die ihm Fragen nach Schmerzzuständen und Wahnvorstellungen, nach Bedeutung, Kategorie und Entwicklung zuschrieen, die schließlich brutal nach einem definitiven, abgewogenen, aus Kausalsätzen aufgebautem Urteil verlangten, das er dort und hier und da erneut, einzutragen hatte. Lächerlich, wo er doch bei der Frage nach dem Namen des behandelnden Arztes bereits nicht mehr weiterwußte. Benn? Benn? Wer war das noch gewesen?

Unterarzt Benn spürte das Verlangen, seine heißgelaufene Stirn gegen die Fensterscheibe zu pressen.

Ja genau, eine Küste voller Buchten sein, getupft von seidenen Segeln, bloß keine zypressenschattige Toteninsel, mit unberührten Kieseln und marmorkalten Bänken, wo nur der Wind über eherne Tempelgiebel streicht und raschelnde Blätter aufscheucht.

Vernehmlich klatschten nun Regentropfen an die Scheibe, während er weiterhin versuchte, dem Verlangen nach einer Berührung der Stirn mit dem kühlenden Glas standzuhalten.

Ich will vielleicht noch lieber eine umgestürzte Säulentrommel sein, im olivenreichen Hermenhain, auf der sich Vestalinnen mit Pinienfett salben. Genau! Das will ich!

Jetzt lächelte Unterarzt Benn fast. Und es war dieser Anflug eines Lächelns, der sich in der Scheibe spiegelte, und von dort herausfordernd durch den ganzen Raum warf.

Advertisements

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s

%d Bloggern gefällt das: