Vor 100 Jahren

19. Oktober 2009

Der Verurteilte soll sehr gefasst gewesen sein. Ein Ärgernis seiner letzten Stunden waren die Priester und Mönche, die nicht aufhören wollten, in ihn zu dringen. Man ließ ihn in seiner letzten Nacht, auch nicht am Morgen auf dem Weg zum Erschießungskommando, in Frieden.

Ferrer wurde am Montag, den 11. Oktober 1909, in die Festung Montjuich überstellt, am Dienstagabend unterschrieb er sein Urteil, das auch die Ablehnung des Ministerrates enthielt, ihn zur Begnadigung beim König vorzuschlagen. Die Nacht verbrachte er wie in Spanien in solchen Fällen üblich in einer schnell hergerichteten Kapelle. Nun begann das zermürbende Spiel: Zuerst wollten sechs Mönche und der Gefängniskaplan sein Seelenheil retten, und so ging das weiter, in wechselnden Besetzungen, die ganze Nacht hindurch. Ein Jesuitenpater kam gar als Abgesandter des Bischofs, um seinen Beistand anzubieten. Ferrer schlug zuerst vor, man könne ja gerne gemeinsam diskutieren, aber bekehrt werden wolle er definitiv nicht; am Ende der Nacht wusste er sich dann nicht mehr anders zu helfen, als so zu tun, als höre er die Kleriker einfach nicht mehr. Vergeblich bat er um die Entfernung einer Marienstatue, focht jedoch erfolgreich gegen die plötzliche Illumination des Altars durch ein Meer von frischen Kerzen und versuchte wiederum vergeblich als der Morgen graute, zwei Altarkerzen löschen zu lassen, die ihn beim Abfassen seiner letzten Briefe störten. Als der Kaplan für einen Moment die Zelle verließ, begann Ferrer mit dem nun hereintretenden wachhabenden Offizier und seinen Kollegen ein weltlich-gepflegtes Gespräch. […] Um Viertel vor neun begann sein letzter Gang – mit Kaplan. Der Gouverneur der Festung erwartet ihn mit der Frage nach seinem letzten Wunsch. Ferrer wollte aufrecht stehend sterben, nicht auf den Knien, und mit unverbundenen Augen. Nach länger Diskussion mit seinen Offizieren gestattete der Gouverneur das Stehen, nicht aber den Verzicht auf eine Augenbinde. Als die Soldaten ihre Gewehre auf ihn richteten, rief Ferrer angeblich die eines Pädagogen durchaus angemessenen, filmreif-pathetischen Worte: „Zielt gut, meine Kinder! Ihr könnt nichts dafür! Ich bin unschuldig! Es lebe die Moderne Schule!“

Sie hatten gut gezielt, man zählte nachher 3 Kugeln allein im Hirn.

Aus: Alfons Paquet, Kamerad Fleming, herausgegeben und mit einem historisch-biographischen Essay ergänzt von Oliver M. Piecha, Verlag Edition AV, Frankfurt am Main 2004.

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