Die Gehandelte

21. Mai 2010

Aus der Jungle World No. 20/2010

Die französische Unilektorin Clotilde Reiss hat den Iran verlassen dürfen. Sie war am 1. Juli 2009 beim Versuch der Ausreise festgenommen und in das Evin-Gefängnis gebracht worden. Reiss wurde von den iranischen Behörden vorgeworfen, an einer »westlichen Verschwörung« gegen den Iran beteiligt gewesen zu sein. Sie war zu Demonstrationen gegangen und hatte dort auch einige Fotos gemacht. Vermutlich hat sie bei einem Gespräch in der französischen Botschaft über ihre Eindrücke von den Protesten berichtet, dass sie allerdings regulär für den französischen Geheimdienst gearbeitet hat, erscheint eher unwahrscheinlich. Reiss wurde gezwungen, Anfang August 2009 züchtig mit Kopftuch angetan vor einem der famosen Teheraner Schauprozesse aufzutreten. Nach ihrem öffentlichen »Geständnis« und der rührenden Bitte, Gnade walten zu lassen, war der mediale Profit ihres Auftritts für die Machthaber in Teheran eingeheimst, fortan war sie pure Verhandlungsmasse. Der berüchtigte Teheraner Folterstaatsanwalt Saeed Mortazavi verkündete, ihr Verfahren sei vorüber, nun müsse ein Richter noch das Urteil sprechen. Seit Mitte August nächtigte sie in der französischen Botschaft, durfte das Land aber nicht verlassen. Es folgten drei nichtöffentliche Anhörungen vor dem Revolutionsgericht ab November. Noch vor der abschließenden Gerichtssitzung ging Ahmedinejad am 20. Dezember in einem Interview öffentlich zum Menschenschacher über: Man werde Reiss gerne freilassen, aber diese Entscheidung hänge von den französischen Behörden ab. »Sie wissen, was zu tun ist, ich möchte hier nicht auf Details eingehen.«

Clotilde Reiss

Clotilde Reiss (Foto: PA/epa/Lucas Dolega)

Welche »Details«? Rein zufällig und ohne jeden Zusammenhang mit dem Fall Clotilde Reiss, wie der französische Außenminister betonte, konnte dieser Tage ein iranischer Elektronikankäufer, dessen Auslieferung die USA seit über einem Jahr betrieben, heim nach Teheran reisen. Und der iranische Geheimdienstler Vakili Rad, 1991 für den Mord am letzten Premierminister des Schahs verurteilt, durfte ebenso nach Hause. Ein »Urteil« gegen Reiss wurde jetzt erst bekannt. Die zweimal fünf Jahre Haft seien aus »Milde« in eine Strafzahlung von 280 000 Dollar umgewandelt worden, hieß es. Reiss erinnerte auf den Stufen des Élyséepalastes vor Reportern an zwei mitangeklagte Iraner, die nicht so viel Glück und politischen Wert hatten wie sie. Die beiden wurden im Februar hingerichtet.

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