Wenn „Menschen aufeinander zugehen, damit Gutes entsteht“

14. September 2010

Wir werden dieses Land nicht aufgeben. Dieses Land ist unsere Heimat, und Sie sind unser Präsident. Weil wir als Mitglieder des Staatsvolks in großer Sorge um die Zukunft dieses Landes sind, das Sie repräsentieren, wenden wir uns an Sie, der Sie so überzeugend sagten: “Es gibt unterschiedliche Interessen, es gibt Vorurteile gegeneinander, Bequemlichkeiten und Anspruchsdenken. Ich will helfen, über all das hinweg Brücken zu bauen. Wir müssen unvoreingenommen aufeinander zugehen können, einander aufmerksam zuhören, miteinander sprechen.”

Die TAZ hat einen „Offenen Brief deutscher Musliminnen und Muslime an den Bundespräsidenten Christian Wulff“ veröffentlicht. Unter den Unterzeichnern sind sogar Fatih Akin und Feridun Zaimoglu – diesen Schriftsteller wie diesen Filmemacher primär als religiös geprägte Menschen wahrzunehmen, auf diese Idee wäre man bisher auch nicht so einfach gekommen. Aber darin liegt wohl bereits eine Grundaussage dieses ansonsten von politkitschigen Formulierungen nur so triefenden offenen Briefs. Muslim sein ist offensichtlich irgendwie schicksalhaft. Die Selbststilisierung als „Muslim“ wird deckungsgleich mit permanentem „Beleidigtsein“, als „Muslim“ ist man sozusagen nurmher ein einzige lebendiger Appell, daß die „Anderen“ doch bitte grundsätzlich sensibel mit einem umgehen müßten. Man ist doch ja doch irgendwie anderes als die anderen, etwas Besonderes eben. Als ob nicht ein sehr irritierender Aspekt der gängigen Selbstdeutung als “Muslim” eben gerade darin läge, daß er in Konsequenz die Botschaft transportiert, daß man offensichtlich nicht als Mensch so ernst- wie überhaupt wahrgenommen werden möchte, sondern eben primär als „Muslim“. Ein ähnlicher Brief anderer deutscher Kultur- und Feuilletonschaffender mit der Aufforderung, man solle sich ihnen als Christen gegenüber bitte endlich im Zeichen „gegenseitigen Respekts“ nähern, wäre bloßer Gegenstand von müder Satire.

Allerdings leben wir glücklicherweise in einer Gesellschaft, in der man – im Gegensatz zur Regel muslimischer Gesellschaften – frei entscheiden kann, als was man sich definieren möchte. Liegt genau hier das Problem? Geht es untergründig genau um diese Freiheit, um den fehlenden Zwang, sich im Westen zu einem muslimischen Kollektiv zählen zu müssen? Oder weswegen will und muß man sich denn in öffentlicher Selbstrechtfertigung andauernd und fortwährend als “Muslim” selbst charakterisieren? Die eigene, frei und selbst gewählte Existenz als beleidigter und kritisierter Muslim bedingt so den eigenen Sonderstatus, über den man sich gerne so beschwert, wie man zugleich wehleidig einfordert, ihn doch bitte zu beachten.

Für Musliminnen und Muslime ist derzeit nicht einmal der Gang zum Zeitungshändler leicht, weil sie nie wissen, welche Schlagzeile, welches stereotype Bild sie dort erwartet. Auch in der Schule, bei der Arbeit und am Ausbildungsplatz kann es sein, dass einem Feindseligkeit entgegenschlägt.

Welche „sterotypen“ Bilder wohl gemeint sind? Noch interessanter ist es zu fragen: Woher kommt denn nun diese sterotype Reaktion sich hier als „Muslim“ unbedingt angesprochen zu fühlen? Die interessanterweise nur als Möglichkeit formulierte „Feindseligkeit“ der „Anderen“, ist sie vielleicht zu größten Teilen nicht eher nachvollziehbares Unverständnis, berechtigte Irritation oder Kritik? Empfindet man etwa als „Muslim“ solche Kritik oder solches Unverständnis deshalb automatisch als „Feindseligkeit“, weil man sich selbst zwanghaft zu einem muslimischen Kollektiv rechnet? Vor der Ausgrenzung stünde dann möglicherweise zuerst einmal die Selbstausgrenzung. Und die wird von Mitbürgern freundlich und solidarisch unterstützt. Damit das Fremde auch schön fremd bleibt und gehegt und gepflegt werden darf.

Es gibt auch viele freundliche Worte, viel Solidarität. Zahllose Deutsche ohne muslimischen oder Migrationshintergrund sind genauso fassungslos über die Entwicklung der letzten Wochen, fühlen sich gleichsam fremd im eigenen Land. So wie wir.

Sprachlich jedenfalls sind sie angekommen, diese “deutschen Muslime”, mehr geht nicht mehr. Das ist autochthon.

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