Das Elend der Islamreformer, der Frankfurter Rundschau, neumodisch-altbackener Religionsdebatten

2. November 2010

Haben Sie sich heute schon Gedanken über Religion gemacht? Zum Beispiel den Islam? Was? Wieso bloß nicht? Also jetzt aber schnell die Frankfurter Rundschau zur Hand genommen: Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Serie über die Geltung der Menschenrechte und ihr Verhältnis zum Religiösen – Anfechtung oder Bestätigung?

Vielleicht beharren Sie darauf, daß Sie die Idee der Menschenrechte ziemlich in Ordnung finden, aber der Islam Sie in diesem Zusammenhang überhaut nicht interessiert? Vielleicht interessiert er sie auch in anderen Zusammenhängen nicht sehr, womöglich genausowenig wie der Buddhismus oder der Cargo Cult oder die Wotansverehrung, aber dann haben Sie eben nur Glück gehabt. Denn wären Sie „Muslim“, dann müßte die Frage Sie interessieren. Ja, dann muß sie das. Keine Chance zu entkommen. Das findet offensichtlich auch die Rundschau. Denn wenn Sie “Muslim” sind, dann Sie irgendwie anders als die anderen. Doch, ist angeblich so.

Die Frage, ob der Islam mit den Menschenrechten vereinbar ist oder nicht, stellt sich heute allerorten.

Eben. Ob an einer amerikanischen Universität, wo Abdullahi Ahmed An-Na’im, ein liberaler Islamreformer, der Autor des FR-Beitrages, lehrt, oder in der Redaktion der Rundschau, in Folterkellern zwischen Casablanca und Karatschi, oder auf dem Mars – wenn es denn dort Muslims gäbe – überall stellt sie sich, diese Frage, wo ein „Muslim“ ist. Armer Muslim.

Kein Mensch, er mag sich als Muslim verstehen oder nicht, kann mit letzter Bestimmtheit wissen, was der Islam ist.

Die Debatte über den Islam und den ganzen Rest hat schon viele bedenkenswerte Sätze hervorgebracht. Dieser gehört mit Sicherheit zu den bedenkenswertesten überhaupt. Man sollte ihn in Zukunft selbstverpflichtend als Zitat vor jeden Beitrag stellen, in dem das Wort Islam vorkommt.

Und der Rest wäre wohltuendes Schweigen?! Ach, von wegen.
Auch die Unterstellung, alle Menschen einschließlich der Muslime stünden unter dem Schutz der Menschenrechte, ist vollkommen legitim.

Es gibt schlimme Unterstellungen, diese aber ist legitim. Immerhin. Auch, äh, sehr bedenkenswert.

Und die Behauptung, die Menschenrechte würden eigentlich von allen Menschen – möglicherweise sogar unwissentlich – akzeptiert, kann nicht wahr sein, wenn sie von einem Viertel der Menschheit, wenn es von den Muslimen abgewiesen wird.

Aber wenn doch selbst die gar nicht wissen, was der Islam eigentlich… jedenfalls, also, liebes Viertel der Menschheit, wieso weist Du denn auch die Menschenrechte einfach so ab? Ja, schon gemein, daß der „Muslim“ nie ein einzelner sein darf, sondern gleich mindestens ein Viertel der Menschheit. Das hat bestimmt auch irgendwie mit den Menschenrechten zu tun. Die anderen dürfen nämlich einzelne sein, der “Muslim” immer nur ganz viele und ein Haufen Probleme.

Nun möchte ich mein Plädoyer nicht missverstanden wissen. Ich behaupte nicht, dass Religionen die einzige Möglichkeit darstellen, die Menschenrechte zu begründen oder lebendig zu halten.

Ufff. Man ist heutzutage schon sehr schnell dankbar und erleichtert.

Allerdings behaupte ich, dass ein Muslim jederzeit berechtigt ist, die Menschenrechte auf der Grundlage seiner religiösen Überzeugungen als verbindlich zu erachten;

Hey super! Der „Muslim“ darf ja doch!

ebenso sind Menschen jederzeit dazu berechtigt, diese Verbindlichkeit in einem ganz säkularen oder atheistischen Sinne zu verstehen.

Ufff. Danke, ich darf auch. Toll, lieber Muslim, was wir alles dürfen. Nur Du halt ein bißchen anders als Ich & die anderen Anderen.

Eine dem Verhältnis zwischen Islam und Menschenrechten angemessene Frage wäre somit die, wie die praktische Durchsetzung und Anwendung der Menschenrechte innerhalb der muslimischen Welt befördert werden kann. Meiner Meinung kommt es sehr viel mehr darauf an, den Muslimen erklären zu können, dass Menschenrechte vereinbar mit ihrem Glauben, möglicherweise sogar von ihm herzuleiten sind; weniger bedeutsam ist dagegen, sie davon zu überzeugen, die Menschenrechte seien ein politischer oder moralischer Anspruch, der unabhängig von ihren jeweiligen Glaubenspräferenzen universal gültig ist, mithin also auf eine Art und Weise begründet wird, die sie nicht verstehen.

Lieber „Muslim“, das klingt aber verdammt – tatsächlich verdammt paternalistisch. Das würde ja nicht jeder über sich sagen lassen. Aber da mußt Du an die Rundschau schreiben. Die denken nämlich offensichtlich, Du würdest diesen Text sowieso nicht „verstehen“, er ist schließlich für die andren drei Viertel der Weltbevölkerung geschrieben, um denen zu erklären, warum Du soviel nicht verstehst und so anders bist.

Muslime können sich also durchaus für die Gleichberechtigung der Frauen und die Religionsfreiheit einzusetzen, und zwar, das ist hier entscheidend, auf der Grundlage ihres eigenen Glaubens.

Schön, gut, wahr: Du kannst es! Ehrlich! Es steht da! Du kannst es! Einfach so. Vielmehr: Nicht einfach so, sondern nur auf Grundlage deines Glaubens. Sonst wärst Du ja gar nicht so anders, gell?

Millionen von Muslimen in der ganzen Welt sehnen sich nach menschenwürdigen Lebensbedingungen, obwohl sie bis jetzt nicht wissen, wie sie dieses Ziel von einem islamischen Standpunkt aus gegen die islamistischen Fundamentalisten erreichen sollen. Aus genau diesem Grund ist es notwendig, die universalen Menschenrechte in islamischen Begriffen auszuformulieren. Dann nämlich werden Muslime in der Lage sein, die Menschenrechte in ihren Gesellschaften als legitimes und relevantes Ziel zu verteidigen. In politischer, strategischer Hinsicht werden sie sich überhaupt erst um eine mit ihrem Glauben vereinbare Idee versammeln können.

Bist Du Muslim, mußt Du wie Muslim reden und denken, um muslimische Idee zu haben, sonst bist Du – gar nix. Doch, doch, wie furchtbar, aber das meint das irgendwie.

Aber vergessen wir nicht hinzuzufügen: Das ist tatsächlich alles in bester Absicht geschrieben und reformatorisch und liberal gemeint. Und es zeigt zugleich ein einziges Scheitern.

Wo es dagegen weitergeht? Hier.

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