Ein beleidigter Sohn der Wüste

4. Dezember 2010

Zu den Wikileaks-Dokumenten wäre noch zu ergänzen: außer Klatsch und Stilfragen bieten sie auch irritierende Materialien für die Vorurteilsforschung. Warum verhalten sich Menschen eigentlich in Wirklichkeit so, wie man es von ihnen erwartet, wobei diese Erwartungshaltung doch nur auf purem Ressentiment und der kritiklosen Übernahme von Stereotypen beruht? Warum inszenieren sich lateinamerikanische Staatsmänner im Sinne ihres machismo als starke Jungs beim diplomatischen Festbankett (Hey komm rüber, wenn Du dich traust – Ne, komm Du doch rüber), und warum führt der Wüstensohn sein ganz persönliches Psychodrama um verletzten Stolz als Spiel um das Schicksal von unzähligen Menschen auf?
Da standen also im November und Dezember letzten Jahres ein paar Metallboxen auf einem libyschen Feldflughafen herum. Ein paar Tonnen schwer jeder Container. Drinnen hochangereichertes Uran. Die Behälter sind nicht für Lagerung ausgelegt, sondern nur für den Transport. Das Uran wird in ihnen langsam heiß und heißer. Aber eine russische Antonov ist schließlich im Anflug, sie soll das Zeug wieder nach Rußland zurückbringen. Das ist ein Ergebnis des sehr löblichen Abkommens über die Beendigung des libyschen Atomprogramms. Aber der Antonov wird die Landerlaubnis verweigert. Gaddafi ist nämlich beleidigt. In New York hat man ihm gerade verwehrt, während der UN-Vollversammlung sein prächtiges Zelt aufzuschlagen. Also bleiben die Behälter auf dem Flugfeld liegen. Und das Uran wird heißer und heißer. Ein Wächter steht irgendwo in der Nähe rum. Einer, immerhin hat er ein Gewehr. Man bittet Gadaffi vielleicht den Kran neben den Boxen abzubauen, wer weiß, vielleicht gibt es Leute auf der Welt, die schon immer mal so nebenbei an hochangereichertes Uran kommen wollten? Aber Gadaffi ist beleidigt. Vielleicht, so der Vorschlag seines weltgewandten Sohnes, der sich interkulturell mit der Mentalität der Wüste ebenso auskennt wie mit der übervorsichtigen Psyche westlicher Politiker, vielleicht würde ja ein versöhnlicher Brief der amerikanischen Außenministern helfen… Und das Uran wird heißer und heißer. Der Brief kommt, aber Gadaffi ist immer noch beleidigt. Armageddon?

Gut, machen wir es kurz, weder ist Nordafrika verstrahlt, noch hat die Jihadistengruppe Saharanordwest den Coup ihres gottgefälligen Lebens gelandet. Wir hätten es wohl bemerkt. Nach einem quälenden Monat darf die Antonov landen, einladen und wegfliegen. Und die Amerikaner bezahlen übrigens die Flugrechnung. Was zu der Überlegung überleitet, daß außer Stilfragen, Klatsch und irritierenden Materialien für die Vorurteilsforschung die neuen Wikileaks-Dokumente doch noch eine sehr zentrale Frage aufwerfen: Was immer man von den USA hält – wer kümmert sich denn sonst um so etwas? Schliefe man besser, wenn man ahnte, oh, möglicherweise liegt irgendwo in der Wüste ein bißchen Uran herum, aber da gibt es bestimmt irgendwen, der sich drum kümmert, Putin zum Beispiel, oder die Chinesen, oder die von der EU, Frau Sowieso? Oder gar die UN? Ehrlich?

Was passiert eigentlich, wenn irgendein Obama eines Tages endgültig die Flagge in Fort Apache einholen läßt? (Und nein, Fort Apache ist hier als Metapher gemeint und nicht als Rechtfertigung der Vertreibung und Massakrierung von indigenen nordamerikanischen Indianern.)

Man vermag natürlich die genuschelten kultursensiblen Einwände schon zu antizipieren: Wieso, hätte man den stolzen Sohn der Wüste einfach sein Zelt in New York aufschlagen lassen, dann wäre doch…

Ein Abgrund.

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