SM auf dem West-östlichen Divan

28. Dezember 2010

Die Beziehungen der Bundesrepublik zur „Islamischen Republik Iran“ sind traditionell beispielhaft gut und harmonisch. Zwei deutsche Reporter in staatlicher iranischer Geiselhaft sind der aktuelle Lebendbeweis dieser Tatsache. Kaum war im November die jüngste deutsche Parlamentarierdelegation auf der Rückreise aus Teheran, da führte man die beiden Deutschen entgegen aller internationalen Normen im iranischen Fernsehen als Beutestücke vor. Gestört hat das in Deutschland niemanden so wirklich, zumal die deutschen Exportziffern in den Iran auf wundersame Weise trotz verschärfter Sanktionen wachsen und wachsen. Und damit ist beiden Seiten schließlich Genüge getan; man wird das politische Verhältnis der Bundesrepublik zum Iran durchaus als SM-Praktik beschreiben dürfen. Zuckerbrot und Peitsche, propagandistische Erniedrigung und begierig aufgesogene leere Versprechungen, die Machthaber in Teheran wissen, was sie an ihren deutschen Partnern haben, als Bezahlung werden deutsche Maschinen geordert.

Und schon wurde das nächste Fest einer unverbrüchlichen Freundschaft gefeiert; am 3. Dezember lud die iranische Botschaft in Berlin zum ersten Hafis-Symposion, am Tag zuvor hatte die Hafis-Gesellschaft in Hamburg ein Seminar unter dem Titel Hafis und Goethe – Dichterische Geistesverwandtschaft als Symbol für Völkerverständigung und Toleranz veranstaltet. Hauptredner hier wie da vor viel akademischer Professorenwürde der iranische Botschafter in Berlin, Sheikh Attar, sowie der eigens aus Teheran angereiste Esfandiar Rahim Mashaie, Chef der Präsidialverwaltung Ahmedinejads und Hauptberater des ihm anverwandten iranischen Präsidenten.

Sheikh Attar ist im Iran berüchtigt für seine Zeit als Gouverneur in Kurdistan, Rahim Mashaie entwickelt sich gerade zu einer zentralen Machtfigur von Ahmedinejads Herrschaft. Ob die beiden Herren wirklich mit den Themen ihrer Vorträge – Was Politiker und Diplomaten von Hafis und Goethe als zwei gleichgesinnte und verschiedensprachige Dichter lernen müssen bzw. Die Philosophie des Seins am Beispiel der Hafisischen Dichtung – intim waren, sei dahin gestellt, Politiker müssen das nicht, von einer weiteren Referentin des Berliner Abends möchte man das allerdings schon erwarten: Anne-Kristine Linke vom Auswärtigen Amt sprach bestimmt sehr kultursensibel über Die Rolle der Kulturarbeit in der Diplomatie.

Während also die beiden deutschen Staatsgeiseln im Iran sachte dem wie verabredet einsetzenden allgemeinen Schweigen überantwortet wurden, saß man bei einem opulenten Essen „mit persischen Spezialitäten“ und gehobener Folkloremusik im Zeichen Goethes und des persischen Dichters Hafis nett beisammen. Wenn das mal nicht schon ein prägnantes Beispiel für besagte Kulturarbeit in der Diplomatie war. Und ein erster Erfolg schien auch gleich greifbar:

Rahim Mashaie, ganz der wirklich wohlwollende Gast in Deutschland – und es gibt derzeit nicht viele respektable Länder, in denen er so gepflegt empfangen würde – verkündete in einer Art Hofberichterstattungsinterview in der FAZ offensichtlich gut gelaunt, man werde sich um ein Treffen der beiden Reporter mit ihren Angehörigen zu Weihnachten bemühen. Und auf die Frage, ob die beiden Deutschen wegen Spionage angeklagt würden, sagte die graue Eminenz hinter Ahmedinejad: So etwas haben wir nie gesagt. Wir haben keine Hinweise darauf, dass sie sich als Spione betätigt haben.

Im Auswärtigen Amt werden sie sich danach wohl auf die Schultern geklopft und dann auf Goethe und Hafis angestoßen haben.

Weihnachten kam, die aus Deutschland angereisten Verwandten der beiden Reporter wurden erst einmal hingehalten, erst mußte Westerwelle ganz oft in Teheran bei seinem neuen Amtskollegen anrufen, der sich über soviel Aufmerksamkeit gefreut haben wird, dann sollen die deutschen Diplomaten sogar etwas ungehalten geworden sein – ganz ungoethisch sozusagen.

Das Treffen zwischen den Staatsgeiseln und ihren beiden Verwandten fand also nach langem Hin- und Her statt. Und unnachahmlich wie die Machthaber der „Islamischen Republik Iran” nun einmal sind, hat man ein Propagandavideo davon gedreht und im Fernsehen gezeigt. Die ganze Welt soll sehen, wie nett es Staatsgeiseln im Iran haben. Und mit Beute muß man schließlich prahlen. Die auch anwesenden deutschen Diplomaten hatten offensichtlich nichts dagegen einzuwenden, ein Protest ist jedenfalls bisher nicht bekannt geworden.

– Auf die entsprechenden Bilder, auf denen sich Marcus Hellwig und Jens Koch bemühen, Hände vor ihre Gesichter zu halten, wird hier nicht verlinkt –

Und nun? Der designierte neue Außenminister der „Islamischen Republik“ wies darauf hin, das Treffen habe gemäß der „humanitären Positionen Irans“ stattgefunden. Der Fall der beiden Deutschen werde seinen „natürlichen und gesetzlichen Weg“ nehmen. Im Fall der “Islamischen Republik” ist das naturgemäß als Drohung zu verstehen. Im Anschluß an die Worte des Außenministers bezog sich FARS News, eine zentrale Nachrichtenagentur aus dem direkten Umfeld der Revolutionären Garden, auf eine Stellungnahme aus dem Justizapparat vom November, in der verkündet worden war, die beiden Deutschen seien bereits einer „Spionagetätigkeit“ überführt. Man kam zudem nicht umhin, noch einmal darauf hinzuweisen, daß doch auch eine deutsche Parlamentariergruppe während ihres Iranbesuches zugegeben habe, daß die beiden Deutschen „illegale Aktivitäten“ unternommen hätten.

„The delegation acknowledged that the two individuals had entered Iran through illegal channels and voiced displeasure with their measures in Iran,“ member of the Parliament’s National Security and Foreign Policy Commission Hossein Sobhaninia told FNA in October.

Hoffnungsvoll klingt das nicht. Aber wieso sollte der Iran sein menschliches Spielmaterial auch ohne Not aus der Hand geben? Wo doch die Deutschen so devot und freundlich sind? Und deutsche Parlamentarier sogar iranischen Gerichten bei der Wahrheitsfindung helfen? Das Auswärtige Amt allerdings könnte sich doch wirklich einmal überlegen, ob es nicht ein paar schöne Hafis- und Goethebücher in das Gefängnis nach Täbris schickt. Da sitzen nämlich zwei deutsche Reporter in Haft. Die hatte man auf der Einladungsliste eines gewissen Symposions von deutscher Seite aus wohl vergessen.

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Eine Antwort to “SM auf dem West-östlichen Divan”

  1. Wenn wirtschaftliche und diplomatische oder meinethaleb humanitäre Interessen kollidieren wird es immer schwierig. Das fasst du ja mit sehr angenehmen Unterton zusammen. Es ist mal wieder ein Beispiel dafür wie sehr man in der Diplomatie auf den Eiern tanzt oder wie das Sprichwort heißt. Eigentlich kein gutes Vorbild, dass wir da abgeben.

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