Islamophobie & kein Ende

11. Januar 2011

Siehe auch:

– TAZ

– NZZ

– noch mal TAZ

Aus dem Perlentaucher:

Islamophobie – Parallele in den Abgrund

von Thomas von der Osten-Sacken und Oliver M. Piecha

Islamistische Lobbies haben den Begriff der „Islamophobie“ konstruiert, um ihn mit dem des Antisemitismus zu parallelisieren. Westliche Intellektuelle machen sich zu Nachbetern dieser Ideologie.

Holland, die Schweiz und sogar das nette Dänemark; es scheint tatsächlich mehr als besorgniserregend: europäische Parteien stacheln „anti-muslimische Ressentiments“ auf und versuchen mit „Islamophobie“ Wählerstimmen einzuheimsen. Der Trend erinnert an „den Beginn der 1930er Jahre, als Antisemitismus, Faschismus und Nazismus politisch auf der Tagesordnung standen“.

Wer hat das gesagt? Wolfgang Benz, der Urheber der hiesigen Islamophobie-Debatte (hier verficht er die These auf Muslim-Markt)? Einer der anderen jüngsten Verteidiger dieses ominösen Begriffes, Micha Brumlik (hier seine Verteidigung Benz‘ in der FR) vielleicht, oder Alan Posener (hier)? Oder stand es im jüngsten Critical-whiteness-post-colonial-studies-Aufsatzband?  Das Seltsame ist, sie alle hätten es so sagen können, das mahnende Wort gegen „Islamophobie“ kommt allerdings von Ekmeleddin Ihsanoglu, dem Chef der „Organisation der Islamischen Konferenz“, also dem Dachverband von 57 islamischen Staaten, der auch ein Islamophobia Observatory unterhält.

Wer so redet, der sollte jedenfalls wissen, wovon er spricht. Es geht also um das Ganze, wir alle wissen, was nach dem „Beginn der 1930er Jahre“ folgte; Machtergreifung, „Reichskristallnacht“, Auschwitz. Wie gut, dass  Ihsanoglus Stellvertreter, ein Herr namens  Abdullah Alam, zeitgleich im Oktober 2010 noch präzisierte, es gehe um „zionistische Verschwörungen“ und alle muslimischen Nationen aufrief, sich gegen die „Feinde des Islam“ zu vereinigen.

Aber so etwas anzuführen ist womöglich nicht nur polemisch, sondern selbst schon ein wenig „islamophob“.

Farid Hafez
hat im Perlentaucher Pascal Bruckner vorgeworfen, er „degradiere“ und „missbrauche“ die „Islamophobie“ als Kampfbegriff (hier Bruckners Perlentaucher-Artikel). Hafez findet es vor allem nicht korrekt, dass Bruckner auf den interessengeleiteten Ursprung des Begriffes hinweist: er liegt in der „Islamischen Republik Iran“. Dort hat man übrigens mittlerweile auch schon die „Iranophobie“ entdeckt, und die – kein Witz – „Shiitephobia“.

Es soll also dezidiert nicht interessieren, wie und dass das Konstrukt der „Islamophobie“ durch bestimmte Staaten und islamistische Interessengruppen genutzt wird, und durchgesetzt werden soll. Wir sollen auch besser keinen Blick darauf werfen, für welche politischen Absichten dieser Begriff in die Welt gesetzt worden ist. Wieso eigentlich nicht? Den staatlichen Verfechtern des Konstrukts der „Islamophobie“ geht es doch um Deutungshoheit und Denkverbote. Am liebsten würden sie mittels der UN erreichen, dass Kritisches zum Islam weltweit geächtet wird. Um nichts anderes dreht es sich hier. Pascal Bruckner hat das Wesentliche dazu gesagt.

Aber warum findet die „Islamophobie“ neben islamistischen Propagandisten und Vertretern autoritärer Regierungen auch im Westen zunehmend rührige Vertreter? Und warum speziell auch in Deutschland? Es könnte ja zusätzlich irritieren, dass die überwiegende Mehrzahl der Befürworter dieses Begriffskonstrukts sich wohl selbst als links einstufen würde, vielleicht auch als liberal, jedenfalls bestimmt tolerant, weltoffen, aufgeklärt antirassistisch und mit wachem, kritischem Blick versehen. Warum wollen sie alle die „Islamophobie“ so unbedingt nach Hause tragen?

Zuerst einmal muss der Begriff allerdings stubenrein gemacht werden, zu deutlich ist sein Herkommen. Das Verfahren dabei ist etwas simpel: Da der Begriff des „Antisemitismus“ ursprünglich durch Antisemiten erfunden worden ist, sollte man also der „Islamophobie“ ihre Herkunft auch nicht vorwerfen dürfen. Und es gibt sie schließlich wirklich, die Islamophobie, oder?

Was es jedenfalls gibt, ein Blick auf den grundsätzlich in diesem Zusammenhang immer und immer wieder angeführten Blog Political Incorrect beweist es ebenso wie die Online-Leserkommentare etwa der Welt, es existiert ohne Frage ein Rassismus der sich gezielt gegen Muslime richtet. Er bleibt allerdings ein letztlich randständiger Bereich, der sich ja gerade dadurch manifestiert, dass hier viele Einzelkämpfer sich gegenseitig ihre Blogs voll schreiben und bizarrerweise selbst längst eifriger Suren studieren, als ein durchschnittlicher gläubiger Muslim.

Ginge es nur um eine Abgrenzung vom arg strapazierten Begriff des Rassismus, man könnte dem Unterfangen der „Islamophobie“ ja noch gelindes Verständnis entgegen bringen. Längst nämlich ist „Rassismus“ zu einer Floskel verkommen, die gegen alle und jede in Anschlag gebracht werden kann. Was jedoch diesen „muslimfeindlichen“ Rassismus so spezifisch von jenem unterscheiden soll, der sich in den neunziger Jahren in regelrechten Pogromen gegen „Asylanten“ entlud, das bleibt unklar. Und der Fall der 2009 in einem Dresdner Gerichtssaal ermordeten Ägypterin Marwa El-Sherbini steht nicht nur wegen der Bestialität der Tat singulär da. Das zeigte sich auch in der umgehenden und intensiven propagandistischen Instrumentalisierung des Falles durch islamische Länder. Es gibt eben keine antimuslimischen Pogrome in Europa. Wir könnten es sonst täglich auf den Newsportalen der „Islamischen Republik Iran“ lesen.

Was es allerdings gibt, das ist ein Kulturkampf, den keineswegs Samuel Huntington erfunden hat, sondern der vom Islamismus den offenen Gesellschaften des Westens wie den freiheitlichen Regungen im islamisch geprägten Teil der Welt erklärt worden ist. Als Ausgangsdatum mag man das Jahr 1979 nehmen, mit der Revolution im Iran und dem, was aus ihr geworden ist. Und in diesem Kampf geht es um ganz konkrete Dinge, wie die schleichende Etablierung von Geschlechterapartheid in westlichen Gesellschaften und die Erringung einer Art Sonderstellung für „den Islam“, kurz die Etablierung der Scharia als Alternative zu weltlichen Gesetzen. Und bisher war das einigermaßen erfolgreich für den Islamismus. Der Angriff auf die Meinungsfreiheit hat längst zu einer Selbstzensur im Westen geführt – und der Begriff der „Islamophobie“ soll sie weiter zementieren.  Islamkritik, wie auch immer sie sich äußert, kann heute auch in Europa tödliche Folgen haben. Das Schicksal von Theo van Gogh vor Augen, überlegt man sich dieser Tage lieber zweimal, wie heftig man den Islam und seinen Propheten denn kritisieren mag.

Nehmen wir einen weiteren seltsamen Umstand hinzu: Der potenziell beleidigte Muslim schafft politischen Mehrwert. Der real verfolgte Christ nicht. Interessanterweise spricht niemand – und schon gar nicht die Entdecker der „Islamophobie“ – von, sagen wir, Christophobie. Immerhin sind Christen weltweit die am meisten bedrängte religiöse Gruppe (mit Ausnahme der Bahais im Iran). Verfolgt und diskriminiert vor allem, aber nicht nur, in sehr vielen muslimischen Ländern. Ein Zufall?

Worin liegt also der politische Mehrwert der „Islamophobie“?

Zuerst einmal in dem Umstand, dass für die Verfechter dieses Konstrukts ihre kleine heile Welt wieder ins rechte Lot rutscht. Natürlich ist es irritierend, dass Rechtspopulisten im Zeichen ihrer Islamobsession plötzlich die Liebe zu Israel entdecken, und Meinungsfreiheit und Frauenemanzipation als abendländische Errungenschaften feiern. Und man selbst als aufrechter Linker und Antirassist sich dagegen mittlerweile Seite an Seite mit Islamisten und reaktionären Klerikern wiederfindet und für Kopftücher und religiöse Zwangsidentitäten einstehen muss. Aber wenn es denn so etwas wie „Islamophobie“ gibt, dann ist der eigene Kampf auch hier wieder ein aufrechter.

Aber es geht um noch mehr; schließlich soll die „Islamophobie“ keinesfalls nur als ein Rassismus unter anderen erscheinen. Nein, sie muss gleich ganz wo anders verankert werden, denn wer sie nicht irgendwie mit Antisemitismus vergleicht, in Verbindung bringt oder doch zumindest abgrenzt, hat die Spielregeln nicht verstanden. „Ist Islamophobie der moderne Antisemitismus?“ fragt deshalb treffsicher Micha Brumlik in der Frankfurter Rundschau. Er hat verstanden. Alleine schon der Vergleich selbst verschafft dem Begriff nämlich eine Bedeutung, ja Aura, die er alleine so keineswegs hätte. Und so mussten sich gerade in Deutschland die Antisemitismusforscher seiner annehmen, um ihn hoffähig machen zu können. Auf einer Tagung in Tutzing, die ausgerechnet vom Moses-Mendelssohn-Zentrum mit veranstaltet wird (Programm), werden sich die Referenten im Januar laut Einladung etwa den „Vorurteilen gegen Juden und Muslimen widmen“, um „Möglichkeiten und Grenzen des Vergleichs auszuloten“.

Die „wissenschaftliche“ Beweisführung dabei ist arg dünn. Man vergleicht historisch. Und man sagt gleich immer dazu, dass man natürlich vergleichen dürfe. Es klingt nicht umsonst nach jener fürchterlichen Sprachfigur, die früher gang und gebe war: Man wird doch noch sagen dürfen, dass…

Tatsächlich kann man alles Mögliche miteinander vergleichen, die Methode allein ist nicht besonders ergiebig und trägt nicht weit. Und die Erkenntnis? Als Kurzfassung: Treitschke hat früher was gegen Juden gesagt, Sarrazin heute gegen Muslims, ergo… Vollenden Sie den Satz selbst. (Für Patrick Bahners, Feuilletonchef der FAZ, ist Necla Kelek der Treitschke des 21. Jahrhunderts, mehr hier, in seinem im Februar erscheinenden Buch gegen „Die Republik der Islamkritiker“ wird er die These zementieren.)

Wer sich heutzutage nurmehr in diskurstheoretischen Äußerungen über Feindbildkonstruktionen und „Vorurteile“ auslassen kann, behauptet damit von sich nicht einmal mehr, einen Begriff von Gesellschaft zu haben. Die so genannte Judenfrage war im 19. Jahrhundert eine um die Verfasstheit bürgerlicher Gesellschaft selbst. Allgemeine Emanzipation, so die Forderung zu vieler Aufklärer, habe die Juden zu Staatsbürgern zu machen, ihr Sonderstatus müsse beseitigt werden. Freiheit sollte eine seine, in der jede vormoderne, vor allem religiös begründete Differenz zu eliminieren sei. Dass ausgerechnet die Juden ins Zentrum dieser Debatte gerieten, ja von Voltaire bis Treitschke sich die Geistesgrößen des 18. und 19. Jahrhunderts manisch an ihnen abarbeiteten, ist zugleich nicht nur verheerend für die Juden gewesen, sondern zeigte immer auch die Grenzen der bürgerlichen Emanzipation auf. Ihr Misslingen machte die Vernichtung der Juden im Jahrhundert danach erst möglich. Suchte man diskriminierte Gruppen im vorletzten Jahrhundert, man könnte sich den Polen in Deutschland oder Protestanten in Frankreich zuwenden und ihre Lage mit europäischen Muslimen der Gegenwart vergleichen. Dabei ginge es dann tatsächlich um Fragen nach „Vorurteilen“ und parziell rassistischer und/oder religiöser Diskriminierung. Das allerdings lockte keinen Hund hinter dem Ofen hervor.

Bei einem wirklichen „historischen“ Vergleichen wären die Unterschiede zwischen „damals“ und heute so himmelschreiend, dass man den Vergleich gar nicht erst beginnen würde. Es sei denn, man folgt einer politischen Agenda und nicht dem Erkenntnisinteresse.

Die Konflikte zwischen Islamismus und einer offenen Gesellschaft sind real. Sie sind keine Projektion. Dass ein Ideologe wie der türkische Außenminister über eine Islamisierung Europas nachdenkt, kann man ebenso nachlesen, wie den hybriden Anspruch längst deutschsprachiger Jihadisten, als „Muslim“ dem schmutzigen „Kuffar“ unendlich überlegen zu sein. Es gibt nicht zuletzt islamische Staaten, die massiv „islamische“ Interessen auch und gerade in Ländern des Westens vertreten, mit Geld und Propaganda. Das wiederum sollte keineswegs zum Rückkehrschluss verleiten, dass jeder Muslim, und damit sind Menschen gemeint, die sich selbst auch als gläubig verstehen, und nicht nur aus islamisch dominierten Ländern stammen, nun die Islamisierung Europas vorantreiben wollte. Aber islamische Kleriker, Politiker und Ideologen, die vor allem den globalen Anspruch ihres „Islam“ unterstreichen, sind Legion. Sie haben in den letzten dreißig Jahren beispielsweise das Kopftuch überhaupt erst zu dem politischen Symbol aufgeblasen, an dem Kritik fortan als „islamophob“ unterdrückt werden soll.

Vergleichen wir noch einmal kurz: Wo waren sie eigentlich damals, 1871ff. die jüdischen Mächte und Pressure Groups? Wer hat je von lautstarken jüdischen Forderungen nach kultureller Sensibilität der jüdischen Kultur gegenüber gehört, der sich die Nichtjuden notfalls eben anzupassen hätten? Von Forderungen zumindest einzelner Rabbis nach jüdischer Weltherrschaft?

Nun, Vorstellungen davon waren durchaus existent –  in den Köpfen der Antisemiten, das ist der Witz dabei. Tatsächlich wollten sich die Juden in Deutschland nachgerade verzweifelt assimilieren. Aber das hat den Antisemiten nie interessiert. Der Jude sollte sich nicht integrieren. Er sollte aus Prinzip verschwinden. Das hat mit „Vorurteilen“ rein gar nichts zu tun.

Und hier schließt sich der Kreis; je drängender auf „Islamophobie“ als neuer Realität insistiert wird, desto „normaler“ erscheint zugleich der Antisemitismus. Die „Dialektik der Aufklärung“ wird dem Vergessen anheim gegeben. Als Besonderheit des Antisemitismus soll nicht mehr der wahnhafte Vernichtungsdrang zu erkennen sein, der ihn grundsätzlich vom „normalen“ Rassismus unterscheidet, und immer unterschieden hat. Er wird einfach zum Vorurteil unter anderen Vorurteilen umdeklariert, der Überlebende von Auschwitz wird zum Diskriminierten neben anderen Diskriminierten. Wenn der „Jude von heute“ endlich ein Muslim von nebenan ist, braucht man über eliminatorischen Antisemitismus nicht mehr sprechen – auch nicht über den zeitgenössischen, der etwa von Teheran aus die Vernichtung Israels propagiert und tatkräftig vorbereitet. Sicher, die Schrecken des 20. Jahrhunderts werden damit irgendwie wieder handhabbar. Ginge es nur um Vorurteile, dann hätte Auschwitz mit gut gemeinter pädagogischer Aufklärung verhindert werden können.

So bedient der Begriff der Islamophobie kongenial ganz unterschiedliche Bedürfnisse, denen eines gemein ist: mit Emanzipation haben sie nichts am Hut, und ebenso auffällig ist das Fehlen jedweder Empathie mit den Menschen, in deren Namen man da angeblich spricht. Der reale Muslim, ebenso wie die anderen vermeintlich „Diskriminierten“, geraten zum reinen Spielmaterial des Diskurses.

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