Der letzte Sieg von „1979“

3. Februar 2011

Vielleicht haben die Islamisten längst gesiegt, sie spielen nur noch ein wenig Katz und Maus mit uns. Und sie sind auch überall. Überall da oben drinnen. Man muß nur ganz leise sein, sich einmal ruhig aufs Sofa setzen und dann kann man sie hören. Kairo ist so ein Beispiel. Da verteidigen Menschen eine ganze Nacht hindurch einen „Platz der Befreiung“ unter Einsatz ihres Lebens, schlagen einen organisierten Angriff zurück, errichten im Stein- und Molotowcoctailhagel Barrikaden, auch ein paar Heckenschützen dürfen nicht fehlen, und am Morgen stehen sie da, an ihrer verteidigten Barrikade, blutend, verbunden, aber auf Posten. Gänzlich selbstorganisiert. Und für Nostalgiker der achtziger Jahre: Mehr autonom geht doch gar nicht. Und das alles ganz ohne großen Führer (und das ist vermutlich das Schlimmste, das wird man ihnen im Westen ganz lange nicht verzeihen können). Und dann erklären diese Menschen auch noch, alles was sie wollten ist Demokratie, und daß ihr Scheißdiktator endlich verschwindet.

Das ganze Bild könnte an Lithografien von 48er Barrikadenkämpfen erinnern, oder an die Commune. Daß die Volksrevolution in Ägypten (mehr „Volksrevolution“ geht auch nicht mehr) allerdings viele Betrachter im Westen so zwanghaft an „1979“ erinnert, das ist der letzte Sieg von Khomeini. Und im Grunde sein einziger. Dabei ist der Vergleich zwischen Tunis et al. 2011 und Teheran 1979 so realitätsfern wie geschichtsvergessen, aber surreale Alpträume haben ihre Attraktivität. Jedenfalls von außen betrachtet. Die „Islamische Republik Iran“ ist spätestens seit dem Sommer 2009 eine Veranstaltung auf Abruf. Sie ist das, was von „1979“ tatsächlich übrig geblieben ist. Etwas Getriebenes, aber längst nicht mehr Dynamisches, praktisch nur noch korrupt, ideologisch ein Witz. Und wenn diese Altherrenriege der Vernichtung eines nicht hat, dann ist es die „Jugend“.

Das andere, das siegreiche, nur grade noch eben versteckte, nur grade eben noch nicht sichtbare „1979“ findet in den Köpfen des Westens statt. Man sehnt ihn voller Angstlust geradezu herbei, den Muslimbruder. Denn nur er, nur der Mann mit dem Bart kann garantieren, daß es auch weiterhin keine Geschichte mehr im Nahen Osten gibt, ach, daß es überhaupt keine Geschichte mehr gibt. “1979″ könnte zudem auch die Antwort auf die Frage sein, warum es so abscheulich ist, bei Kälte aus dem warmen Haus zu gehen.

Hängt diese Haßliebe zu “1979″ womöglich auch damit zusammen, daß Uniformen und formierte Massen, wahnwitzige Führerreden und Vernichtungsphantasien ursprünglich eine ziemlich perfide europäische Erfindung waren, eines Europas, das seiner Freiheiten schon einmal so müde war?

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