Vatertag, Mütterland

1. Juni 2011

Aus: Auf Entzug, erschienen in dem Sammelband Dame mit Fächer. Erzählungen, Edition 6065, Wiesbaden.

Er weiß nie, was für ein Gesicht er machen soll, von Trauer erfüllt, wütend, entsetzt,  wenn man ihn nach seiner Tochter fragt. Manchmal frage die Leute so etwas. Er sagt dann bloß: Gut. Es geht ihr gut. Soll er sich ein Schild umhängen, daß man ihn solches nicht fragen dürfe? Dann hätte es außerdem jeder gewußt. Er will aber nicht, daß es jeder weiß, daß es endgültig ist, daß er nämlich ein Vater ohne

Sie würde ihn vermissen. Hatte man ihm hier und da versichert. Nachts, auf einschlägigen Internetseiten, las er ähnliches. Sehr hoffnungsvoll. Sie würde ihn also vermissen. Irgendwann einmal. Bestimmt. Natürlich. Sie würde Fragen stellen. Er wußte sogar schon an wen. An jemanden, den sie wegen allem zuerst fragte, weil diese Person es gar nicht ertrug, wenn man sie nicht zu allem zuerst befragte. Seine Tochter würde also fragen, warum sie keinen Vater habe. Und möglicherweise würde sie auch fragen, warum all die Kinder, mit denen sie befreundet sein mußte, die Kindern von den Bekannten dieser Person also, auch keine Väter hätten. Und vielleicht würde sie sich sogar trauen zu fragen, warum diese Person selber ebenfalls keinen Vater gehabt habe. Und schlußendlich würde sie wohl fragen, ob es denn so etwas überhaupt geben könne, Kinder mit Vätern? Aber das sei ja wohl absurd. Absurd würde sie sicherlich nicht sagen, sie würde komisch dazu sagen, oder schräg, oder einfach blöd. Genau, sie würde sagen, Kinder mit Vätern, das ist ja total blöd. Nickend würde daraufhin die Person antworten, daß es so etwas wie Kinder mit richtigen Vätern ganz bestimmt nicht gebe. Nun ja, außer in manchen  Fernsehserien, oder in Walt-Disney-Filmen. Jedoch, so würde diese Person belehrend fortfahren, hätten in solchen Filmen und Serien die Kinder zwar des öfteren Väter, doch seien dies gänzlich fiktive Darstellungen, und sobald der Nachspann einsetze, seien die Väter bereits wieder entfernt worden. Man müsse, würde diese Person abschließend seine Tochter ermahnen und sie begütigend an sich drücken dabei, es irgendwann einmal lernen, zwischen Film und Wirklichkeit zu unterscheiden.

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