Zwei Wochen im Krieg

1. September 2012

Aus der Jungle World 35/2012

Jonathan Littells »Notizen aus Homs« sind ein Appell an den Westen, im Syrienkonflikt nicht wegzuschauen.

Jonathan Littells neues Buch »Notizen aus Homs« beginnt mit einem wuchtigen Satz: »Dies ist ein Dokument, kein literarisches Werk.« Aber so ganz stimmt das nicht. Der in den USA geborene Autor ist mit »Die Wohlgesinnten«, einem umstrittenen Roman über einen SS-Mann, international bekannt geworden. Spätestens seit er die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat, ist er Anwärter auf die Position eines Großintellektuellen; eine Position, die in Frankreich jedoch nicht mit dem Verfassen seltsamer Gedichte im belehrenden Gestus eines Günter Grass verbunden ist, sondern mit der Aura von persönlicher Zeugenschaft und dem Appell an so etwas wie »Freiheit«. Littell hat über Tschetschenien geschrieben und über den Krieg zwischen Georgien und Russland. Im Auftrag der Zeitung Le Monde hat er im Januar 2012 gemeinsam mit einem Fotografen zwei Wochen in der syrischen Stadt Homs verbracht, in die er sich mit Hilfe von Aufständischen einschmuggeln konnte. Die Kämpfe in Homs und insbesondere in dem von der Armee belagerten Stadtviertel Bab al-Amr standen zu dieser Zeit im Zentrum der Berichterstattung. Bab al-Amr geriet kurz nach der Abreise Littells Anfang Februar unter einen vierwöchigem Dauerbeschuss, die Aufständischen mussten sich schließlich aus dem völlig zerstörten Stadtteil zurückziehen. Auch zwei westliche Journalisten starben hier. Bei der Evakuierung der restlichen Berichterstatter durch die Rebellen kamen über ein Dutzend Kämpfer ums Leben. Diese Ereignisse konnte Littell ebenso wenig vorhersehen wie die Erfolge der Rebellenarmee seit dem Frühsommer und die internationale Unterstützung, die sie mittlerweile erhält.

Littells Bericht über den Krieg, den er für zwei Wochen erlebt hat, als Beobachter der Arabischen Liga offiziell noch den »Waffenstillstand« in Syrien überwachen sollten, führt in zerschossene Häuser, wo man durch Einschlaglöcher auf Scharfschützenpositionen der Armee späht, und über Kreuzungen, auf denen die Fahrer mit einem Gebet auf den Lippen beschleunigen, weil sie in der Schussachse von Checkpoints liegen. Es ist ein Krieg der Scharfschützen. Kinder, Alte, Frauen, Männer – in der absoluten Beliebigkeit, mit der die Soldaten ihre Ziele wählen, liegt die Botschaft. Littell beschreibt auch die befreiende Wirkung der ritualisierten Demons­tratio­nen, mit denen der kollektive Widerstandsgeist angefacht wird – bevor sich der nächste Granatüberfall ereignet, die nächsten Salven aus dem Hinterhalt abgefeuert werden und neue Opfer zu beklagen sind. Es ist ein Kreislauf des Schreckens unter dem ungemütlichen syrischen Winterhimmel. Über weite Strecken beschreibt Littell, wie er und andere Journalisten versuchen, den lokalen Ereignissen hinterherzufahren, was wegen der vielen Straßensperren und Heckenschützen aber kaum möglich ist. Meist endet die Recherche in einer improvisierten Untergrundklinik voller Verletzter und Sterbender, und auch dem Berichterstatter vor Ort bleibt oft nichts übrig, als sich Handyvideos vom Geschehen anzusehen: »All diese Handys sind Museen des Horrors.« Littells Artikel für Le Monde sind eine Sache, aber was genau ist die Funktion seines Buches »Notizen aus Homs«? Der Augenzeuge Littel kann aufgrund der chaotischen Umstände keinen Überblick bieten, sondern nur einen winzigen Ausschnitt wiedergeben. Und dieselben Handyfilme, die man ihm zeigt, kann sich jeder Betrachter weltweit auf Youtube ansehen. Implizit stellt Littells über zweihundertseitiger Text die Frage nach den Möglichkeiten des Mediums »Buch«, dem eine ungeheuer beschleunigte digitale Berichterstattung gegenübersteht, die mittlerweile sogar schon das Anschauen des Artilleriebeschusses syrischer Städte per Livestream ermöglicht.

Littells Antwort darauf ist etwas zwiespältig: Das »Dokumentarische«, auf das der Autor so viel Wert legt, also der unbereinigte und nur sehr zurückhaltend kommentierte Abdruck seiner Originalnotizen aus Homs, basiert schließlich auch auf einer ästhetischen Entscheidung. Und es ist schon eine sehr großzügige Geste à la Bernard-Henri Lévy, die eigenen Aufzeichnungen kurzerhand selbst zum »Dokument« zu adeln. Mehr Literatur und weniger »Dokument« hätte auch eine Antwort sein können. Verdichtung und Komposition sind schließlich die Merkmale einer literarischen Reportage. Eins zu eins wiedergegeben werden allerdings die Probleme des Autors, der nur mit Hilfe eines Dolmetschers oder im Pidgin-Arabisch mit den Kämpfern und Aktivisten kommunizieren kann. Auch das ständige Zirkulieren von Geschichten und Gerüchten schildert Littell eindringlich. Den Versuchen, inmitten des Krieges einfache Begebenheiten zu verifizieren, das macht Littell sehr deutlich, sind enge Grenzen gesetzt. Seine Vermischung von Interviewfetzen und Interpretationen ist jedoch nur bedingt »dokumentarisch«. Insofern ist Littells Syrien-Buch natürlich auch Literatur; zumal er seine Träume niederschreibt und das Winterwetter für Stimmung sorgen lässt, aber auch das gute syrische Essen nicht vergisst. Daneben herrscht die Stumpfheit eines Tagesablaufs zwischen Schüssen, fernen Granateinschlägen, ewigem Warten und dem immer überraschenden Tod.

Jedes Kriegsbuch schafft auch eine Ästhetisierung des Krieges. Und die Helden sind hier die Angehörigen der Free Syrian Army, die zu einem Zeitpunkt porträtiert werden, als sie lediglich mit ein paar Kalaschnikows und im sicheren Gefühl, vom Rest der Welt mit einem Achselzucken betrachtet zu werden, gegen eine übermächtige Armee kämpften. Manchmal machen sie auch Witze, über bornierte Salafisten etwa, und den Jihad, von dem sie wissen, das er dem Westen furchtbare Angst macht. Die Drohung eines Bürgerkrieges zwischen den Konfessionen liegt unausgesprochen über den Geschichten, die von Littell erzählt werden, wird aber nie ganz fassbar. Unausgesprochen geht Littell in »Notizen aus Homs« davon aus, dass es keine Begründung für den Horror einer Diktatur geben kann und dass Menschen, die sich dagegen wehren, a priori im Recht sind. Der Autor kann aus dieser Haltung heraus auch aufzeigen, was ihn irritiert, die Separation der Frauen etwa oder die beharrlichen Versuche des Informationsbüros der Rebellen, die Berichterstattung zu kontrollieren.

Nicht eine einzige »Wahrheit« über Syrien wird allerdings derjenige in Littells Buch entdecken, der so lange abwägt, bis ein Ausgleich hergestellt ist, was dann sowieso jedes Engagement überflüssig macht. Nach dem Motto: Lange genug betrachtet sind die einen doch genauso böse wie die anderen. Mit dieser Haltung blickt man in Deutschland gerne auf den Nahen Osten, falls man nicht sowieso gleich die Diktatoren verteidigt. Littells Fazit über die Zerstörung von Bab al-Amr und die Untätigkeit der Weltöffentlichkeit lautet dagegen so: »Man wird mir sagen, es gab keine Wahl. Worauf ich antworte, dass man immer eine Wahl hat, wie es diejenigen hatten, die sich in Syrien gegen Baschar al-Assad und sein verdorbenes, sklerotisches und letztendlich zum Sturz verurteiltes Regime erhoben haben.«

Jonathan Littell: Notizen aus Homs. Hanser, Berlin 2012, 240 Seiten, 18,90 Euro

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