Im Wald geblieben

29. Oktober 2012

Aus der Jungle World 43/2012

Die Ausstellung »Schwarze Romantik« im Frankfurter Städel verläuft sich in den Albträumen verschiedener Epochen.

Der Begriff »Romantik« ist abgenutzt und vage, und lange ist es her, dass man ihn ideologiekritisch untersucht hat. Längst ist alles und nichts romantisch, mal ist damit die künstlerische Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts gemeint, mal wird damit ein emotionaler Zustand bezeichnet, manchmal ist es bloß ein anderes Wort für Kitsch. Als »romantisch« gilt die Teekerze am Badewannenrand, besonders schwer romantisch sind die düsteren einsamen Landschaften Caspar David Friedrichs. Wahnsinn, Verwesung und Frankenstein sind aber auch romantisch, das ist dann die »Schwarze Romantik«, die zurzeit in einer Ausstellung im Frankfurter Städel präsentiert wird.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entsteht in England eine Vorform des Horrorromans, die Gothic Novel, bald beginnen auch die ersten Maler, befremdliche Dinge in den Blick zu nehmen: Goya malt Kannibalen, Hexen, Vergewal­tigungen und Kriegsgreuel, William Blake zeichnet religiös verbrämte Fantasy-Monster. Es war die künstlerische Auseinandersetzung mit den Nachtseiten der Aufklärung, die Sphäre des Traumes wurde entdeckt, eine Ahnung vom Unbewussten entstand. Der Schrecken über die finsteren Potentiale der entfesselten Zivilisation suchte im Zeitalter der Revolution und des Terrors seinen Ausdruck. Goyas berühmter Stich »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« versinnbildlicht diesen Prozess. Die Ausstellung versucht, eine Linie von den Anfängen der Schwarzen Romantik bis hin zu den Symbolisten und Surrealisten zu ziehen. Folgt man dieser weiten Auslegung, dann erscheint die Romantik als integraler Bestandteil der Moderne, sie kommt zusammen mit der Aufklärung auf die Welt, sie ist keine Frage des Stils mehr, sondern eine der Perspektive, sie ist im Kern der Blick auf das Bizarre und Abgründige.

Das hat durchaus etwas für sich, problematisch bleibt nur die gewisse Beliebigkeit, in die der Begriff der Schwarzen Romantik abgleitet, wenn man ihn nicht nur als Epochenbegriff benutzt. Der Ausgangspunkt ist noch klar umrissen. Da ist der Schweizer Wahlengländer Johann Heinrich Füssli mit seinem ikonographischen Gemälde »Der Nachtmahr«. Ein Dämon hockt auf dem Brustkorb einer schlafenden Schönen im weißen Nachthemd, während der Kopf eines Pferdes mit wild geblähten Nüstern und aufgerissenen Augen aus der Dunkelheit ragt. Auf diesem Bild ist tatsächlich 100 Jahre vor Freud einiges von der Logik des Unbewussten vorweggenommen. Dann kommen die romantischen Franzosen an die Reihe: Théodore Géricaults Studien von abgeschlagenen Köpfen. Davor hängt noch ein wirklich toll grell gemalter Weltuntergang mit Flammen von oben und Fluten von unten, der nichts weniger als die Vorwegnahme eines Katastrophenfilms in Cinemascope zu sein scheint. Bald sind wir bei Caspar David Friedrich angelangt und den Landschaften der deutschen Romantiker, die es nicht so mit den expressiven Personendarstellungen hatten wie etwa die Franzosen oder Engländer. Der Wahnsinn glitzert hier nicht unumwunden aus den weit aufgerissenen Augen, hier dräuen die düs­teren Tannenwälder, und Mönche ziehen durch den Nebel. Auf die Spätromantik – ein Ölgemälde zeigt Rübezahl im Wald, das große Werk kommt aus dem Depot des Städel, wo, wenn nicht im Rahmen der »Schwarzen Romantik«, könnte man es ausstellen? – folgen die Symbolisten der Jahrhundertwende, ein bisschen Décadence muss sein. Es ist die Ära der Femme Fatale, also hängt da natürlich auch was von Franz von Stuck an der Wand, etwa »Die Sünde«, das kommt immer gut an. Gustave Moreau ist ebenfalls vertreten. Aber leider versucht die Ausstellung nicht, einem bestimmten Motiv zu folgen. Mal abgesehen von den weißgewandeten somnambulen Frauen, die durch die Nacht geistern. Ein bisschen Félicien Rops hier, und eine hübsche Auswahl von Frühwerken Alfred Kubins dort. Aber warum eigentlich nicht auch Aubrey Beardsley, der hat schließlich de Sade illustriert?

Je länger man sich das ansieht, desto beliebiger erscheint die Auswahl. Was da alles »Schwarze Romantik« sein soll! Ausschnitte aus Grusel­filmen der zwanziger und dreißiger Jahre runden die Auswahl ab. Friedrich Wilhelm Murnaus »Faust« und »Nosferatu« werden gezeigt, und Bela Lugosi als Dracula. Zum Schluss gibt es noch einen Schlag Surrealismus obendrauf. Da hängen ein bekannter Dalí  – Träume! – und ein paar sehr sehenswerte Bilder von Max Ernst, auch Hans Bellmers Puppenbilder dürfen nicht fehlen, genauso wenig die Eröffnungsszene aus dem »Andalusischen Hund«. Mit den Surrealisten endet die Ausstellung doch etwas mutwillig. Was ist mit Harry Potter, »Nightmare On Elm Street« und Edgar Wallace? Dr. Mabuse? Anselm Kiefer hätte aber womöglich auch gepasst. Die sind alle mindestens ebenso »Schwarze Romantik«. Da man heutzutage so gerne auf das zu­gegeben anstrengende Bemühen einer genaueren inhaltlichen Bestimmung verzichtet, passt hier letztlich irgendwie alles. Die anschließende Frage wäre, ob man die Schwarze Romantik, die zuallererst sowieso eine literarische war, überhaupt ohne weitergehende Bezüge zur Populärkultur sinnvoll verfolgen kann. Der Blick auf die Nachtseiten, das zeigt die Frankurter Ausstellung eben auch, war für viele Maler der Hochkultur ein eher nebensächliches Arbeitsgebiet für Studien und Zweitrangiges.

Ein eher banaler Grund für die Konjunktur des Klischees der Romantik dürfte sowieso sein, dass »Schwarze Romantik« nicht nur schick und auch ein bisschen aufregend klingt. Der milli­onenschwere Kulturfonds Frankfurt Rhein-Main hat den »Impuls Romantik« als Schwerpunktprojekt konzipiert und überschüttet alle Ausstellungen, die sich irgendwie darunter subsumieren lassen, mit Geld. Zu empfehlen ist die Ausstellung wirklich jedem, der gerne Horrorfilme und Gespenstergeschichten mag und einen Hang zu auch mal unfreiwilligem Trash und gepflegter Melancholie hat. Etwas störend ist jedoch das Fehlen von Ironie – bis auf eine großartige Ausnahme. Mit Max Ernst präsentiert die Ausstellung nämlich tatsächlich einen Künstler, der sich explizit auf die Waldmetaphern der deutschen Romantiker bezogen hat. Eines seiner Bild zeigt vier erdfarbene, seltsam verformte und perforierte Gestalten, die sich in einem Auflösungsprozess zu befinden scheinen. Der Titel lautet: »Sie sind zu lange im Wald geblieben«.

Städel-Museum, Frankfurt am Main.

Bis 20. Januar 2013.

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