Die nackte Katastrophe

13. August 2013

Aus der Jungle World No.28/ 2013

Was haben Sexualität und Geschlechterbeziehungen mit den arabischen Revolten zu tun? Shereen El Fekis Buch »Sex und die Zitadelle« beschreibt das dürftige Liebesleben in der arabischen Welt und die Versuche, daran etwas zu ändern.

Vor mehr als 1 000 Jahren im Reich der abbasidischen Kalifen war alles ganz anders und wunderbar, zumal der Sex, und irgendwann wird einmal auch wieder alles gut sein. Derzeit gibt es allerdings ein paar gravierende Probleme der islamischen Welt mit der Sexualität. In der Theorie ist das eigentlich bloß ein Missverständnis. Aber die Praxis sieht furchtbar aus.

So ungefähr lässt sich die Geschichte zusammenfassen, die Shereen El Feki, deren Eltern aus Wales und Ägypten kommen, in ihrem vielbeachteten Buch »Sex und die Zitadelle« vom »Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt« erzählt. Ihr Rekurs auf eine selige Frühzeit der Religion, die 1 001 Jahre zurückliegt, ist nicht die stärkste Seite ihres Buches, aber für den Diskurs zum Thema Islam immer noch charakteristisch – man stelle sich einmal vor, in einem Buch über Sexualität im zeitgenössischen Europa wäre immer wieder die Rede vom Zeitalter Karls des Großen oder von Minneliedern im Hochmittelalter. Der gutgemeinte Hinweis auf vergangene, vermeintlich goldene Zeiten ist in Wahrheit verheerend, er zeigt wie dringend ein positives Gegenbild gebraucht wird, irgendeines, um beim Blick in den Abgrund der Gegenwart, den El Fekis Schilderungen beschreiben, nicht dem Fatalismus zu verfallen.

Statt »Sex and the City« also »Sex und die Zitadelle«, statt der freizügigen Metropole eine Bastion der Ehe und der notfalls mit permanenter Gewaltandrohung erhaltenen Jungfräulichkeit. Von diesem Kernbereich ausgehend führt El Feki im durchaus leserfreundlichen Plauderton durch die Minenfelder des arabischen Singlelebens, der Prostitution und schließlich der Homosexualität. Leitend ist dabei die Frage, ob nicht Sexualität und Geschlechterbeziehungen das nurmehr schlecht verhüllte Zentrum all dieser Aufstände, Proteste und Revolutionen bilden, die seit über zwei Jahren die arabische Welt erschüttern.

Es ist dieselbe Frage, die Mona Eltahawy im Sommer 2012 in ihrer heftig angefeindeten Polemik (Jungle World 21/12) »Why Do They Hate Us?« – gemeint war das Verhältnis arabischer Männer zu Frauen – feststellen ließ: »Ein ganzes politisches und ökonomisches System – eines, das die Hälfte der Bevölkerung wie Tiere behandelt – muss (…) zerstört werden.« Und zur politischen müsste die soziale, sexuelle und kulturelle Revolution treten, »um sowohl die Mubaraks in unseren Gedanken wie in unseren Schlafzimmern« zu stürzen.

Es ist dieselbe Wut, die die libanesische Publizistin Joumana Haddad zynisch fragen lässt, ob denn die gute Muslima im Paradies keine sexuelle Belohnung bekomme, während ihr Mann auf Erden doch vier Frauen und im Paradies 72 haben könne. Dieser Protest gegen den »religiösen Exhibitionismus« (Haddad), der in der Region vorherrscht, ist neu. Darüber und über den Wegfall der antiimperialistischen Relativierungen auch in der Geschlechterfrage hat Hannah Wettig in ihrem Dossier über Feminismus und sexuelle Befreiung in den arabischen Revolten (Jungle World 8/13) einiges gesagt.

Shereen El Feki will mit ihrem Buch ein breiteres Publikum ansprechen. Sie ist keine Theoretikerin und manchmal geht es auch etwas zu anekdotenhaft zu, aber das erleichtert vielleicht gerade den Leserinnen und Lesern den Zugang, die nicht meinen, alle Wahrheiten über die Komplexität der menschlichen Sexualität sowieso aus dem Gender-Seminar zu kennen: »Als ich damit anfing, Fragen zu stellen, stieß ich auf die Kluft zwischen öffentlichem Anschein, wie er sich in den amtlichen Statistiken niederschlägt, und privater Wirklichkeit.« Ein tiefer Widerspruch herrscht im Nahen Osten zwischen conditio humana und den Forderungen religiös begründeter Gesetze, zwischen rigider öffentlicher Moral und korruptester Scheinheiligkeit. Es geht um Menschen, die unter absurden Moralgesetzen leiden, und um Menschen, die diese Moralgesetze verinnerlicht haben und sie lobpreisen – mitunter sind es dieselben. Bei arabischen Bloggerinnen ist längst die Rede vom »Stockholm-Syndrom«, wenn sie sich selbst dabei ertappt haben, wieder einmal Dinge zu verteidigen, die nicht zu verteidigen sind.

Gespalten zeigt sich manchmal auch El Feki auf ihrer Untersuchungsreise durch die Sexualität Arabiens – die für sie, die im Westen aufgewachsen ist, teils auch eine Suche nach ihrem familiären Hintergrund ist –, etwa wenn sie mitfühlend die muslimische Sexualtherapeutin mit Kopftuch beschreibt, die davon schwärmt, welch großen persönlichen sexuellen Freiraum der Islam gerade im Gegensatz zum letztlich puritanischen Christentum biete. Zwei Seiten weiter erfahren die Leserinnen und Leser von Fatwas, die sich ebenso gegen Oralverkehr wie überhaupt gegen Nacktheit im Bett aussprechen.

Die so beliebte Frage, was denn nun der »wahre« Islam sei, verflüchtigt sich hier endgültig: Islam ist genau das, was Gläubige jeweils dafür halten. Ob man das im konkreten Fall nun für politisch opportun hält oder nicht. Über »den Islam« müssen sich exklusiv die Gläubigen auseinandersetzen. Alles andere ist westlicher Paternalismus, der noch den Islamisten über den Islam oberlehrerhaft unterweist und dabei meist doch nur im eigenen politischen Interesse die Dinge beschönigen möchte.

In »Sex und die Zitadelle« kann man viel Interessantes erfahren. Da geht es um Formen legaler, religiös sanktionierter Prostitution in Form von »Zeitehen« zwischen minderjährigen Ägypterinnen und älteren Herrn vom Golf, es geht um den Zusammenhang zwischen der Rückkehr von ägyptischen Arbeitsmigranten aus den Golfstaaten und der Ausbreitung von Analverkehr, um Pornokonsum, »nuttige« nahöstliche Reizwäschekultur, die Allgegenwart von Viagra und die manische Fixierung gerade der Salafisten auf Sexualität.

Und es geht nicht zuletzt um weibliche Beschneidung, die, wie die Autorin eigentlich recht genau weiß, im Grunde nur zu einem Zweck praktiziert wird: zur sexuellen Kontrolle der Frauen. Eine verstümmelte Frau, so die Vorstellung, hat stark reduzierte sexuelle Bedürfnisse. Wenn man das ernst nimmt und weiß, dass in Ägypten vermutlich immer noch über 90 Prozent der Mädchen und Frauen beschnitten sind – das Ausmaß der Verbreitung von weiblicher Genitalverstümmelung in vielen anderen Gebieten des Nahen Osten ist noch eine ungeklärte Frage –, wird klar, wie tief der Abgrund tatsächlich ist, in den man hier blickt. Eine Erkenntnis, vor der El Feki mit ihrem unerschütterlichen Optimismus zuweilen die Augen verschließt, wenn sie etwa behauptet, der Zusammenhang zwischen weiblicher Beschneidung und vermindertem Lustempfinden sei letztlich wissenschaftlich umstritten. Es ist ja bloß die Klitoris, die da meist weggeschnitten wird.

Die Mauer der Zitadelle, meint die Autorin jedenfalls, zeige Risse, und ihr ist unbedingt zuzustimmen, wenn sie schreibt, dass der Hang zu gesellschaftlichem Konformismus und Anpassung in den nahöstlichen Gesellschaften ebenso überwunden werden müsse wie die extreme Heuchelei, das Schweigen und die tatsächliche Sprachlosigkeit über Fragen der Sexualität. Es fehlt hier überhaupt, wie El Feki schreibt, ein »kohärenter, positiver intellektueller Bezugsrahmen für Sexualität«.

Einer jüngst veröffentlichten Erhebung von Unicef für den Irak zufolge halten 40 Prozent der befragten Frauen Gewaltanwendung durch den Ehemann für gerechtfertigt, wenn die Ehefrau das Haus ohne seine Erlaubnis verlässt; mehr als ein Drittel der Befragten befürwortet Gewalt, falls die Frau ihrem Ehemann den Geschlechtsverkehr verweigert, und fast ein Fünftel, falls das Essen angebrannt ist. Wobei im Blick zu behalten wäre, dass auch Männer Opfer dieses patriarchalen Systems sind, das zwar durch männliche Gewaltandrohung nach außen bewahrt, im Inneren jedoch von den Müttern und Großmüttern organisiert wird, ob bei der Kindererziehung oder bei der weiblichen Genitalverstümmelung.

Ein Grundproblem ist eben nicht nur das Frauenbild im Islam, sondern ebenso das Männerbild. Der Mann gilt als triebgesteuertes Wesen, das zwanghaft und hilflos nach jedem Häppchen nacktem Fleisch schnappen muss, das man ihm hinhält. Schon der Anblick und die geheimnisvolle »Ausstrahlung« von Frauenhaar könnten einen Mann völlig willenlos machen – man kann das in Fatwas aus der Islamischen Republik Iran nachlesen.

Fragen der Sexualität und Geschlechterbeziehungen finden sich im Zentrum der Auseinandersetzungen, die mit den arabischen Revolten virulent geworden sind, auch wenn sich Krieg und Machtpolitik durch die Gewalt in Syrien wieder in den Vordergrund geschoben haben. Ein Krieg mit Massakern und alltäglichem Sterben ist für die Herrscher des Nahen Ostens tatsächlich ungefährlicher und bekömmlicher als Pärchen auf dem Tahrir-Platz, die plötzlich Hand in Hand gehen. Wie das konkret aussieht, zeigt eine bemerkenswerte Szene des Dokumentarfilms »Back to the Square« von 2012, der anhand ausgewählter Protagonisten die einschneidenden Veränderungen darstellt, die das Geschehen auf dem Tahrir-Platz gebracht hat.

Darunter ist Salwa al-Hossini, eine junge Frau mit dörflichem Hintergrund, die nach ihrer Verhaftung auf dem Tahrir-Platz vom Militär zu einem »Jungfräulichkeitstest« gezwungen wurde und es als erste der Betroffenen gewagt hatte, darüber öffentlich auf einer Pressekonferenz zu sprechen. Der Film zeigt sie abends in einem Cafè, durch das HipHop dröhnt. Sie hat es zum ersten Mal in ihrem Leben gewagt, ein schulterfreies Kleid anzuziehen, und sie lässt den Schal, der die Schultern noch bedeckt, schließlich herunterrutschen. Man sieht es ihr an, sie möchte eigentlich aufspringen und tanzen. Da kommt der Kellner und zieht ihr wortlos den Schal wieder über die Schultern. Das Gesicht dieser jungen Frau in diesem Augenblick, ihr Ringen um Haltung, ihre Verzweiflung, ihre Lust und ihre Wut: Hier wird die Trostlosigkeit des sexuellen Status quo im Nahen Osten im exakten Sinn des Wortes sichtbar – aber auch das Aufbegehren, das diese Verhältnisse mittlerweile auslösen.

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