Verkitschter Terror

17. Februar 2015

Aus der Jungle World No.33/ 2014

Die Islamisten des »Islamischen Staats« scheinen kaum aufzuhalten zu sein. Die ungelösten Probleme des Nahen Ostens brechen allerorten wieder auf.

Die mediale Selbstdarstellung des »Islamischen Staats im Irak und Syrien« (Isis) – seit Ausrufung des Kalifats meist nur noch als »Islamischer Staat« (IS) bezeichnet – besteht aus krudester Gewaltpornographie, gepaart mit Bildern von Schafherden, betenden Männern oder Jungen auf einer Spielplatzschaukel. Enthemmter Terror und kitschiges Idyll gehören hier untrennbar zusammen. Als die Jihadisten im Juli weite Teile des Nordirak überrannten, ließen die ersten Aufnahmen von Gefangenenkolonnen Hunderter irakischer Soldaten nichts Gutes erahnen; es waren Bilder, die an die Abgründe des 20. Jahrhunderts erinnerten. Längst sind Videos von Massen­erschießungen dieser Soldaten verbreitet worden, deren Flehen um Gnade die Terrororganisation auch noch genüsslich dokumentiert hat.

Die stolz präsentierten Gewaltakte sollen Angst und Panik verbreiten sowie als Werbung für den jihadistischen Nachwuchs dienen. Denn genau diese Gewaltverherrlichung, gepaart mit dem scheinbar unaufhaltsamen Vormarsch der Isis-Kämpfer, macht das »Kalifat« für seine Klientel von Jihadistenaspiranten aus aller Welt so attraktiv. Die in zeitgemäßem Design daherkommende neue Isis-Propaganda legt von dieser Attraktivität beredt Zeugnis ab. Beim »Al Hayat Media Center« des neuen Gottesstaates spielt vermutlich der ehemalige Berliner Rapper Deso Dogg, der sich vom aktiven Kampf im Frühjahr zurückgezogen haben soll, eine tragende Rolle. Hier werben Kämpfer auf Englisch oder Deutsch für die sogenannten Gotteskrieger. Und es gibt nun auch das Internetmagazin Dabiq vom Isis, das offensichtlich das al-Qaida-Magazin Inspire imitiert. Der Isis beschreibt in seiner Publikation ganz offen die Strategie, die nun so reiche Früchte trägt: das Einsickern in Gebiete mit schwacher staatlicher Kontrolle, der erzwungene Rückzug des staatlichen Militärs in die Ballungszentren und die Übernahme ländlicher Gebiete durch die islamistischen Kämpfer. Nun folgt eine gezielte Ausweitung des Chaos bis zum völligen Zusammenbruchs staatlicher Strukturen, um schließlich die Herrschaft in größeren Regionen zu übernehmen und das entstandene Vakuum mit eigenen staatlichen Strukturen zu füllen.

Ungefähr so hat das bisher auch funktioniert, und es ist eine letztlich nebensächliche Frage, ob die Theorie hier nur den Geschehnissen gefolgt ist oder ob dem Ganzen wirklich eine so weitreichende Strategie zugrunde lag. Der vielleicht irritierendste Umstand an dem Siegeszug des Isis ist die Passivität, mit der alle seine Gegner ihm bisher zugesehen haben. Ungehindert konnten sich die Fahrzeugkolonnen der Islamisten in ihrem über weite Teile flachen und aus der Luft sehr übersichtlichen »Kalifat« bewegen und zu Angriffen formieren. Während der US-amerika­nische Präsident Barack Obama den eher kontraproduktiven Drohnenkrieg gegen Jihadisten im Jemen und in Somalia stark ausgeweitet hat, breiteten sich die Islamisten in Syrien und im Irak seit dem Rückzug der USA 2011 wie unter einem Schutzschirm aus. Erst mit dem drohenden Genozid an Tausenden Yeziden, die in einem Gebirge ohne Versorgung ausharren, dem Massenexodus der assyrischen Christen und schließlich dem drohenden Vormarsch in Richtung der kurdischen Metropole Erbil und damit in die semiautonome nordirakische Kurdenregion kommt es nun zu zögerlichen Reaktionen der US-Armee. Einzelne Luftangriffe auf vorgeschobene Stellungen der Islamisten, einige Abwürfe von Hilfs­lieferungen und die Rettung eines Teils der eingekesselten Yeziden halten den weiteren Vormarsch des Isis an anderen Stellen nicht auf.

Auch die Ankündigung der US-Regierung, Kalaschnikows und Munition an die kurdischen Streitkräfte zu liefern, ist irritierend: Das sind kaum die Sorten von Waffen, an denen es den Kurden mangelt. Sie treten zudem Kämpfern des Isis entgegen, die sich mit dem von den USA gelieferten und von der irakischen Armee zurückgelassenen schweren Gerät aus Mossul ausgerüstet haben.

Ein Ergebnis von Obamas fahrlässiger Syrien-Politik ist, dass ein auf den Irak beschränktes Vorgehen gegen den Isis angesichts des grenzüberschreitenden »Kalifats« und der dominanten Stellung, die es mittlerweile im gesamten Osten Syriens innehat, wenig Sinn ergibt. Die Nahost-Politik der US-Regierung ist angesichts der Miniintervention, zu der sich Obama nun im Nordirak gezwungen sieht, in eine Sackgasse geraten.

Mit der erbeuteten Ausrüstung und den beflügelnden Erfolgen haben die Kämpfer des Isis nach dem Vormarsch im Irak quasi nebenbei die Reste der Freien Syrischen Armee und konkurrierende Islamistengruppen aus dem Euphrattal vertrieben. Nachdem es einer breiten Koalition der syrischen Rebellen Anfang des Jahres in verlustreichen Gefechten gelungen war, Isis im Norden Syriens zurückzudrängen, ist nun die Frage, wann die Hardcore-Islamisten wieder gen Aleppo vorstoßen. Kürzlich kam es auch zu ersten heftigen Angriffen des Isis auf syrische Regierungstruppen, die bis in den Frühsommer de facto bestehende Kooperation zwischen dem Regime Bashar al-Assads und den Jihadisten dürfte nun langsam zu ihrem Ende kommen. Die ungewöhnliche ­Allianz beruhte auf wechselseitigem Nutzen: Solange der Isis damit beschäftigt war, die syrischen Rebellengruppen zu dezimieren, ignorierten die Flugzeuge Assads seine Stützpunkte geflissentlich. Der so offen propagierte islamistische Wahn des Isis war überdies die beste Werbung für das Regime Assads. Angesichts dieser Mordtruppen und ihrer globalen Terrorambi­tionen sind die so oft versprochenen und nie eingetroffenen westlichen Waffenlieferungen an die Rebellen – vor allem Flugabwehrraketen – völlig illusorisch geworden. Assad hat vom Isis erheblich profitiert. Was nun passieren wird, wenn seine ausgelaugten Soldaten nicht mehr schlecht ausgerüsteten, zerstrittenen Rebellengruppen gegenüberstehen, sondern den internationalen Glaubenskämpfern des Isis, ist eine andere Frage. Aber auch hier kann Assad mittlerweile darauf hoffen, dass eine westliche Intervention im Irak sein Überleben nur verlängern wird.

Die Interessenslage der Türkei ist schwieriger zu beurteilen. Ohne die türkische Duldung des Grenzverkehrs der Islamisten wäre der Nachschub an Freiwilligen für den Heiligen Krieg schwierig geworden. Auch Recep Tayyip Erdoğans Präsidentschaftswahlkampf dürfte für die derzeitige Zurückhaltung der türkischen Regierung eine wichtige Rolle gespielt haben. Seit dem Sturm auf Mossul und der Geiselnahme des Personals des gesamten dortigen türkischen Konsulats durch den Isis stecken Erdoğan und sein Außenminister Ahmet Davutoğlu, der offenbar ein Evakuierungsersuchen seines Konsuls zuvor abgelehnt hatte, in einer schwierigen Lage. Erdoğan hat dieses Problem in bezeichnender Weise gelöst, indem er der türkischen Presse einfach untersagte, weiter über die türkischen Geiseln zu berichten. Der Isis kann sich mit seinem Faustpfand jedenfalls ein weiteres Stück türkisches Wohlwollen erpressen, zumal auch seine Angriffe auf die von der – der PKK nahestehenden – PYD kontrollierten syrischen Gebiete für die türkische Regierung von Interesse sind.

Der Rest der umliegenden Staaten hat einfach Angst. In ihren Videos verkünden die Isis-Kämpfer gerne, sie seien demnächst im Libanon, Jordanien und Saudi-Arabien zu finden. Jordanien hat seit dem Auftauchen von Isis-Jeeps an der Grenze zum Irak seine Armee mobilisiert, Saudi-Arabien hat dem Vernehmen nach ägyptische und pakistanische Sondereinheiten zum Grenzschutz eingekauft. Ganz sicher kann sich das Königshaus nicht sein, wie sich seine von wahhabitischen Traditionen geleiteten Soldaten im Falle einer Konfrontation mit Isis-Kämpfern verhalten würden.

Der Erfolg des Isis verschärft die ungelösten Probleme des Nahen Ostens. Der Isis ist nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Eine weitere Frage wird sein, wie man mit den Massen von gewalt­enthemmten Männern in Zukunft umgeht, die hier ihr Handwerk gelernt haben. Sie kommen aus Saudi-Arabien, der Türkei, dem Maghreb, aber auch aus Europa und nicht zuletzt Deutschland. Diese Männer begreifen den Kampf als Daseinsform. Das könnte man am ehesten mit dem Gewaltpotential in Deutschland nach dem Ersten Weltkrieg vergleichen, als sich ähnliche Gruppen entzivilisierter und hochideologisierter Männer in den rechtsextremen Freikorps sammelten.

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