Der IS als Katalysator

17. Februar 2015

Aus der Jungle World No.43/ 2014

Ein gemeinsamer Kampf westlicher Staaten mit Akteuren des Nahen Ostens gegen den »Islamischen Staat« (IS) gestaltet sich schwierig, weil sich deren Interessen oft mit denen der Islamisten überschneiden. Zudem ist der Iran, aber auch Saudi-Arabien keinesfalls der richtige Partner für eine Koalition gegen Jihadisten.

Das Desaster könnte nicht offensichtlicher sein: Dem Eingeständnis des US-amerikanischen Präsidenten Barack Obama, man habe den »Islamischen Staat« (IS) »unterschätzt«, folgte das Urteil der US-Armee, sie werde den IS nicht alleine mit der Luftwaffe ohne Bodentruppen bezwingen können. Der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Admiral John Kirby, erklärte bezüglich der umkämpften syrisch-kurdische Stadt Kobanê, die US-Regierung habe derzeit keinen »willigen, fähigen und effektiven Partner für den Bodeneinsatz innerhalb von Syrien«. Das ist auch kaum verwunderlich: Bereits vor zwei Jahren wies die Regierung Forderungen nach einem Engagement in Syrien mit dem Hinweis zurück, man wisse gar nicht genau, wer da kämpfe.

Der Luftwaffeneinsatz der aus über 20 Ländern bestehenden Anti-IS-Koalition, die Obama zusammengebracht hat, ist eine Schauveranstaltung, die demonstrieren soll, es werde etwas gegen den IS unternommen – denn ein strategisches Ziel hat die ganz schnell zusammengeschusterte Militäraktion nicht. Und wenn schon die militärisch Zuständigen offen sagen, dass dem IS so nicht beizukommen sei, woher sollte nun so schnell eine verlässliche und schlagkräftige, regional verankerte Bodenkampftruppe gegen den IS kommen? Dass sogar schon die CDU anfängt, mit der PKK zu liebäugeln, ist keine Lösung dieses Problems, sondern Ausdruck eines Dilemmas und im Grunde eines grotesken Versagens von internationaler Politik.

Obama hat drei Jahre lang immer wieder versprochen, in die Ausbildung und Ausrüstung der syrischen Aufständischen zu investieren – passiert ist nichts. Der Kampf gegen Bashar al-Assad wurde den regionalen Akteuren überlassen, der Türkei und den Golfstaaten, die nach eigener Interessenlage – und gerne auch in gegenseitiger Konkurrenz – in Syrien mit Waffen, Geld und Logistik interveniert haben. Das absehbare Ergebnis war die mittlerweile wohl vollständige Zersetzung der ursprünglich aus professionellen Überläufern bestehenden Free Syrian Army und der nicht primär religiös motivierten Rebellengruppen. Geld und Waffen haben nämlich nur die Jihadisten oder zumindest Islamisten aller Couleur bekommen. Die Syrien-Politik des »Westens« unter der Schirmherrschaft Obamas beschränkte sich dagegen auf Symbolpolitik und die Hoffnung, das Problem mit Syrien und der Region werde sich irgendwie von selbst lösen. Nun droht die um sich greifende Instabilität die ganze Region zu erfassen. Diese Aussicht zwingt selbst den US-Präsidenten zu handeln – oder zumindest so zu tun.

Die bemerkenswerteste Volte ist derzeit die strategische und taktische Unterstützung der iranischen Machtinteressen in der Region durch die USA. Obama hat sich hier in eine Position manövriert, in der er nur verlieren kann. Die US-Airforce und ihre Verbündeten dienen nun im Grunde als Luftwaffe des iranischen Regimes und seiner schiitischen Schützlinge. Der überhastete Abzug der US-Armee aus dem Irak 2011 hat die Bagdader Zentralregierung der iranischen Einflussnahme überlassen. Und nun müssen die USA ohne entscheidende Mitsprachemöglichkeit in der irakischen oder iranischen Regierung mit ihren Hubschraubern und Kampfjets die iranischen Interessen gegen Jihadisten schützen. Dabei ist die »Islamische Republik Iran« seit rund 35 Jahren für die Verbreitung von islamischem Extremismus selbst federführend verantwortlich.

Das kann einem schon zu Kopfe steigen: Der bisher im Verborgenen agierende Qassem Suleimani, Chef der iranischen al-Quds-Brigaden, einer Elitetruppe, die für militärische Interventionen im Ausland und Terroranschläge zuständig ist, hat jüngst im Irak mit einer schon leicht bizarr wirkenden Serie von Schnappschüssen und Videos diesen Erfolg des iranischen Regimes gefeiert. Da plaudert derselbe Mann, der als graue Eminenz vielleicht mehr Wissen als irgendjemand sonst um die Terrorszene des Nahen Ostens besitzt, mit Peshmergas, tanzt vor einem Panzer herum oder posiert im Special-Forces-Look. Natürlich immer mit Palästinensertuch, schließlich hat sich seine Truppe, wie ihr Name schon sagt, als Ziel der Eroberung Jerusalems verschrieben. Die Fotoknipserei des iranischen Oberkommandierendem im Irak wurde de facto beschützt von US-Kampfjets, was noch etwas pikanter wirkt, wenn man bedenkt, dass Suleimanis Waffenhilfe für die irakischen Aufständischen konkret mit dem Tod von rund 200 US-Soldaten in Verbindung gebracht wird.

Aber auch der abgebrühte Taktierer Assad mag sich gewundert haben, dass die USA nun zu seinen Gunsten Bomben abwerfen – in den ersten Angriffswellen wurden mehr Ziele der islamistischen Gruppe Jabhat al-Nusra getroffen als des IS. Doch im Gegensatz zum »Islamischen Staat« kämpft die mit al-Qaida verbundene Gruppe sehr energisch gegen die Truppen Assads und kooperiert mit anderen Rebellen. Vor einem Jahr, als das Assad-Regime mit großen Giftgasattacken die ominöse »rote Linie« Obamas überschritt, hatte dieser sich weiterhin passiv verhalten. Nun mussten die Syrerinnen und Syrer die Erfahrung machen, dass derselbe US-Präsident plötzlich Bomben in Syrien abwerfen lässt, zur Freude der bedrängten Truppen Assads, deren Flugzeuge bereitwillig und weiträumig das Einsatzgebiet für die »Luftschläge« gegen den »Islamischen Staat« und Jabhat al-Nusra meiden – und von einer desinteressierten Weltöffentlichkeit unbemerkt ihre Luftangriffe auf zivile Ziele verstärken.

Verwackelte Handyvideos von in den Trümmern ihrer Häuser verschütteten syrischen Familien hat die Welt bis zum Überdruss gesehen. Die auf die Rezeptionsgewohnheiten eines westlichen Publikums zielenden Propagandavideos des »Islamischen Staats« sind dagegen eine mediale Attraktion, über die sich das dankbare politische Feuilleton die Finger wundschreiben kann. Bei der Zahl der systematisch Gefolterten, Vergewaltigten und Getöteten liegt jedoch das Assad-Regime noch weit vor dem »Islamischen Staat«.

Das ziellose Eingreifen der USA und ihrer Verbündeten nützt vor allem dem »Islamischen Staat« selbst. Seine Klientel sind die Sunniten, und je deutlicher sich abzeichnet, dass die Anti-IS-Koalition iranischen Interessen dient, desto einfacher hat es der IS, die eigenen Reihen geschlossen zu halten. Für die Bevölkerung des sogenannten sunnitischen Dreiecks im Irak sind die vom Iran gesteuerten schiitischen Milizen noch weniger eine Alternative zum IS, als es die als Besatzungsarmee empfundene irakische Armee war. Den geordneten Ausbau des »Islamischen Staats« mag das Bombardement stören, doch eine Situation, in der die teuersten und modernsten Flugzeuge der Welt Jagd auf einzelne Jeeps oder von Jihadisten bemannte Motorräder machen müssen, kann sich für den IS nur vorteilhaft entwickeln.

Die wohl prekärste Position in der großen Koalition Obamas gegen den »Islamischen Staat« hat dabei Saudi-Arabien. Dass die US-Luftwaffe einmal in den Ruch geraten könnte, iranischen Interessen zu nützen, werden sich die Strategen in Riad kaum je vorgestellt haben. Dass sie dabei helfen, andere Sunniten zu bombardieren, die ihre ureigene Klientel darstellen, zeigt vor allem die Verfahrenheit auch der saudische Machtpolitik. Die Angst vor einem »Islamischen Staat«, der die Grenzen zu Jordanien und Saudi-Arabien überschreiten könnte, hat ebenso wie die jahrelange Lethargie der früheren Schutzmacht USA in Sachen Nahost-Politik offensichtlich zu der Erkenntnis geführt, dass man selbst tätig werden muss. Aber wie lange wird das gutgehen, wenn es Irans Interessen zu offensichtlich dient und die eigene radikale religiöse Propaganda beginnt, auf die Herrscher in Riad zurückzuschlagen?

Völlig ignoriert von der Weltöffentlichkeit hat zudem im Saudi-Arabien benachbarten Jemen eine vom Iran unterstützte Schiitengruppe innerhalb weniger Wochen ihre Hauptkonkurrenten – darunter die Verbündeten Saudi-Arabiens – aus dem Weg geräumt (Jungle World 35/2014). Obamas Anti-IS-Koalition hat nicht nur kein weiterführendes militärisches Ziel, außer die bemerkenswerte Dynamik des »Islamischen Staates« etwas zu bremsen – sie hat auch eine Sollbruchstelle. In dem Augenblick, in dem einer der regionalen Akteure sich einen kleinen Vorteil gegenüber der Konkurrenz durch einen dann vielleicht etwas gestutzten »Islamischen Staat« verspricht, wird dieser auch wieder diverse Unterstützer finden. Aber der IS wird zunächst bleiben und die prekäre Balance im Nahen Osten dadurch unwiderruflich erschüttert. Welche Lebensäußerung dieses »Islamischen Staats« man auch am erschreckendsten findet, seine stolz präsentierte Inhumanität, die Liebe zur Gewalt oder gar die Wiedereinführung der Sklaverei – seine Funktion als Katalysator für die Probleme im Nahen Osten ist am Unheilvollsten. Der Nahe Osten nach dem IS wird ein anderer sein. Die Dynamik und die konsequente Ausrichtung des IS erlauben keine Kompromisse und keinen Zeitaufschub. Hier werden schlagartig Konflikte erhitzt, deren beständiges, aber langsames Schwelen der alte Nahe Osten immerhin einigermaßen berechenbar garantieren konnte.

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Jihadisten gegen Jihadisten

17. Februar 2015

Aus der Jungle World No.35/ 2014

Der Jemen zerfällt, schiitische und sunnitische Islamisten erweitern ihren Machtbereich.

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Zu spät für den Frühling

13. November 2013

Aus der Jungle World No.28/ 2013

(zusammen mit Thomas von der Osten- Sacken)

Die Niederlage der Muslimbrüder in Ägypten zeigt, dass durch Wahlen gegen den Willen eines bedeutenden Teils der Bevölkerung kein islamischer Staat errichtet werden kann. Über die Situation in Ägypten und ihre geopolitische Bedeutung für die Konflikte im Nahen Osten.

Das Ende war dem Vernehmen nach so trostlos wie unheroisch. Die Wachen des ägyptischen Präsident Mohammed Mursi gingen vergangene Woche einfach nach Hause, kurz bevor die Soldaten vorfuhren, um ihn zu verhaften. Das eigentlich Überraschende an Mursis Abgang war die Ideen- und Tatenlosigkeit, mit der sich der angeblich so mächtige Apparat der Muslimbruderschaft in den entscheidenden Tagen in das Schicksal seines Präsidenten fügte. Den unzähligen Demonstrationen für seine Absetzung, hatten sie nichts Gleichwertiges entgegenzusetzen, als selbst die Polizei sich weigerte, ihre Parteizentralen zu schützen. Nicht nur der Moloch des ägyptischen Staates steht kurz vor dem Kollaps, auch die seit über 80 Jahren von Mythen umwitterte Muslimbruderschaft wirkt nur noch gebrechlich. Seit Mursis Amtsantritt im vergangenen Jahr hatte sie getan, was jeder in der Region traditionell von korrupten und unfähigen politischen Eliten erwartet: Posten an Anhänger zu verteilen und alle anderen politischen Kräfte zu marginalisieren. Den Rest des Beitrags lesen »

Im Wald geblieben

29. Oktober 2012

Aus der Jungle World 43/2012

Die Ausstellung »Schwarze Romantik« im Frankfurter Städel verläuft sich in den Albträumen verschiedener Epochen.

Der Begriff »Romantik« ist abgenutzt und vage, und lange ist es her, dass man ihn ideologiekritisch untersucht hat. Längst ist alles und nichts romantisch, mal ist damit die künstlerische Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts gemeint, mal wird damit ein emotionaler Zustand bezeichnet, manchmal ist es bloß ein anderes Wort für Kitsch. Als »romantisch« gilt die Teekerze am Badewannenrand, besonders schwer romantisch sind die düsteren einsamen Landschaften Caspar David Friedrichs. Wahnsinn, Verwesung und Frankenstein sind aber auch romantisch, das ist dann die »Schwarze Romantik«, die zurzeit in einer Ausstellung im Frankfurter Städel präsentiert wird.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entsteht in England eine Vorform des Horrorromans, die Gothic Novel, bald beginnen auch die ersten Maler, befremdliche Dinge in den Blick zu nehmen: Goya malt Kannibalen, Hexen, Vergewal­tigungen und Kriegsgreuel, William Blake zeichnet religiös verbrämte Fantasy-Monster. Es war die künstlerische Auseinandersetzung mit den Nachtseiten der Aufklärung, die Sphäre des Traumes wurde entdeckt, eine Ahnung vom Unbewussten entstand. Der Schrecken über die finsteren Potentiale der entfesselten Zivilisation suchte im Zeitalter der Revolution und des Terrors seinen Ausdruck. Goyas berühmter Stich »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« versinnbildlicht diesen Prozess. Die Ausstellung versucht, eine Linie von den Anfängen der Schwarzen Romantik bis hin zu den Symbolisten und Surrealisten zu ziehen. Folgt man dieser weiten Auslegung, dann erscheint die Romantik als integraler Bestandteil der Moderne, sie kommt zusammen mit der Aufklärung auf die Welt, sie ist keine Frage des Stils mehr, sondern eine der Perspektive, sie ist im Kern der Blick auf das Bizarre und Abgründige. Den Rest des Beitrags lesen »

Fatih-Wiesbaden

3. September 2012

Fotoausstellung „Fatih ve Insanlar“

Vom 19. bis 23. September 2012 findet auf dem Mauritiusplatz die Fotoausstellung „Fatih ve Insanlar“ statt. Gezeigt werden 101 Portraits von Menschen in Fatih/Istanbul. Die Ausstellung ist rund um die Uhr geöffnet. Der Eintritt ist frei.
Ausstellung „Fatih ve Insanlar“. | © wiesbaden.de / Foto: Joachim Sobek

Die Eröffnungsveranstaltung zu „Fatih ve Insanlar“ findet am Mittwoch, 19. September 2012, von 11 Uhr bis 12 Uhr auf dem Mauritiusplatz statt. Dazu sind der Wiesbadener Oberbürgermeister Dr. Helmut Müller und der Bürgermeister von Fatih, Dr. Mustafa Demir, eingeladen.

Dr. Oliver M. Piecha, Historiker und Nahostexperte, wird über die Fotoarbeit, die er von Anfang an beratend begleitete, sprechen. Die Moderation übernehmen Saskia Jil Sobek (14) in Deutsch und Enis Saritas (15) in Türkisch. Für Schulklassen und interessierte Gruppen werden auf Anfrage Führungen angeboten.

Die Ausstellung möchte es einem Betrachter in Wiesbaden ermöglichen, Menschen zu begegnen, die etwa 2.300 Kilometer entfernt von der hessischen Landeshauptstadt leben und arbeiten. Die Porträts der Menschen aus Fatih sind außerdem ein Angebot, sich mit der neuen Partnerstadt und ihren Bewohnern näher zu beschäftigen.

Aus der Jungle World 25/2012

Von außen betrachtet sieht es schon sehr international aus. Vor dem Eingang des Wiesbadener Landesmuseums sind drei Container aufgebaut, zwei längs und einer darübergelegt, über dem Ganzen ein wallendes Plastikdach. An einen Portikus soll das erinnern. Das ganze Ensemble ist der Fluxus-Pavillon von Benjamin Patterson. In einem der Container ist ein Shop, der Fluxshop, im anderen befindet sich ein Café (Fluxfood), nur der dritte Container hat gerade zu, weil Feiertag ist. Die sehr nette Frau vom Café, vom Andrang etwas überfordert, weiß es auch nicht recht: In dem dritten Container ist wohl tatsächlich Fluxuskunst.

Alle Bänke zwischen den Containern und dem Treppenaufgang zum neoklassizistischen Museumsportal sind voll besetzt. Was für ein Erfolg der gerade eröffneten Ausstellung zum 50. Geburtstag von Fluxus!

Vor der Museumstreppe steht seit Urzeiten eine Goethe-Statue, die den Dichter darstellt, wie er einen Schwan umarmt. Neben Goethe und Schwan ist jetzt eine Latte befestigt mit einem sorgsam handgeschriebenen Schild: »Occupy Fluxus«. Davor die vollen Bänke voller Menschen. Endlich wird dem Betrachter dieser für den Ort unübliche Andrang verständlich: Gegenüber, in den Rhein-Main-Hallen, macht die Tagung für Radioonkologie nämlich gerade Pause. Den Rest des Beitrags lesen »

(„Resi Denz am Schifffahrtskanal„)

Kurt Beck bekommt wohl doch kein Denkmal in Form einer Brücke über den Strom im Mittelrheintal. Der letzte sozialdemokratische Landesvater muß abspecken. Die Moseltalverhunzbrücke wird auch fallen! Wir leben nicht mehr in den siebziger Jahren: Beton, Beton, Beton. Und drei Pflanzkübel nahebei.

Zweitausend Jahre Kulturlandschaft gegen den genau drei Kubikmeter mit groben Kieselsteinen durchmischten Zement umfassenden persönlichen Inhalt so eines visionären Großpolitikers.

Einmal, einmal, die Grünen beim Wort nehmen.

Der freie Rhein! Ein Fluß voller Fähren.

Rock El Casbah

14. Januar 2011

Eine Revolution. Die Jasmin-Revolution. Etwas kann sich doch in dieser Welt bewegen. Und was haben sie uns nicht alle erzählt über die “arabische Straße”, über Mentalitäten und Kulturen und über den autochthonen Drang zur Selbstunterdrückung. Wir beglückwünschen die Tunesier, wir hoffen für die Menschen in Teheran, in Damaskus, in Cairo oder in Gaza, für die Menschen in der “Islamischen Welt”.

Rock El Casbah bzw. Rock the Casbah.

Auf daß nicht nur Ben Ali in seinen letzten Stunden als Autokrat sich die Frage gestellt haben muß: Should I stay or should I go now?

Aus der Jungle World No. 47/ 2010

Nachts versammeln sich alle meine Vorfahren in meinem Zelt, Kalifen und Derwische und Paschas in hohen Turbanen.« Als Else Lasker-Schüler 1911 diesen Satz niederschrieb, begann sie gerade die für ihr Werk zentrale Kunstfigur des Jussuf Prinz von Theben bildlich zu konkretisieren. Dass die Dichterin, nach dem Urteil Gottfried Benns »die größte Lyrikerin, die Deutschland je hatte«, auch eine großartige Zeichnerin war, daran erinnert derzeit eine Ausstellung im Jüdischen Museum in Frankfurt. Anschließend werden die Exponate im Hamburger Bahnhof in Berlin zu sehen sein. In der Ausstellung sind viele der fragilen, auf Formularen, Notizzetteln oder zwischen Briefzeilen eingefangenen Abbilder Prinz Jussufs und seines Hofstaates zu sehen. Der Katalog zur Ausstellung enthält zugleich das erste Werkverzeichnis des bildnerischen Schaffens von Lasker-Schüler. Ihr meist mit Tusche, Bleistift und Buntstift gezeichneter, ebenso phantastischer wie bunter Orient wird in dieser Dichte und Fülle dem Betrachter zum ersten Mal umfassend erschlossen. Den Rest des Beitrags lesen »

Schöner Gedenken

9. November 2009

Mutmaßlich stereotypisch. Gar nicht dramatisch. Bloß normal. Gedenken, ja wie Gedächtnis. Und ein bißchen Schick muß sein. Wir feiern den 9. November. Die Mauer, nein, um die geht es hier gerade nicht.

Es war nur eine Spazierfahrt gestern, wir sind auf dem Rückweg gen Hauptbahnhof mit dem Fahrrad beim Schlachthof abgebogen, tatsächlich rein zufällig. Ich war da schon sehr lange nicht mehr. Der Wiesbadener Schlachthof, erst Schlachthof, dann Judenrampe, dann wieder Schlachthof, schließlich alternatives Kulturzentrum, nun in einem „Kulturpark“ gelegen. Ja, der Wiesbadener Schlachthof bietet tatsächlich eine repräsentative deutsche Kulturgeschichte.

Ein spannungsvolles Terrain. Es war mal sehr versifft und subkulturell. Das kann man nicht bewahren und es wäre auch widersinnig. Keine Frage. Aber ich erinnere mich an das lange Gatter. Das Viehgatter, für das Vieh, das am Schlachthof ankam. Dieses Gatter war verostet, besprayt, da wuchs unten Gras aus dem Boden, das Gleis davor war wegerissen worden. Ein desaströser Anblick. Im Hintergrund die Schlachthofhalle, sie sah auch verrottet aus, oft gräßliche, laute Konzerte fanden darin statt. Im Vordergrund rauschte die S-Bahn nach Frankfurt orangefarben rein und raus.

Diese Bilderserie tauchte auf.  Zuerst als Bilder von den Frankfurter Deportationen bewertet – die ja ebenfalls vom lokalen Schlachthof aus losgingen – dann wurde irgendwann klar, es waren Bilder aus Wiesbaden. Und man stand nachts an diesem langen verrosteten Gatter, es war ein ganzer Bahnsteig, hielt sich an dem Geländer fest und dachte, ja, hier, genau. Im Hintergrund dröhnte Musik, damals oft noch eher unkommerziell, aber egal. Wenn dieses dubiose Wort denn eine  Bedeutung hat, dann war dieses Gatter authentisch. Man stand an der Judenrampe, ob man sich das klar machen wollte, ob man gerade andere Probleme hatte, oder nicht. Aber das Gatter war da. Und vor einem fuhren die S-Bahnen in den Hauptbahnhof ein und aus. Ein spontaner Gedanke war damals, man müßte eigentlich nur diese Bilder von der Deportation an diesem langen Gatter anbringen. Es wäre eine Gedenkstätte gewesen. Eine der robusten Art. Ach, und  ganz billig. Und mit vielen Jugendlichen nachts als Publikum.

Aber jetzt ist das ja ein Kulturpark. An einem Ende des Gatters hat man vom ehemaligen Gebäude einer Ölmühle eine  Ecke stehen lassen. Sie wurde von einem Sprayer vor zwei Jahren mit einem Deportationsbild in Grau-braun besprüht.

Nun ist die Ecke von einem Bauzaum umgeben, angeheftete Farbkopien am Bauzaun fordern Rücksichtnahme für das übertünchte Graffitti. Wahrscheinlich war der eingeforderte „respect“ der jungen Menschen nicht so groß. Aber bestimmt wird das Bild wieder hegestellt. Es soll  ja ein Denkmal im „Kulturpark“ werden.

Ich stehe mit meinem Fahrrad im Nieselregen. Da, wo das Gatter entlanglief, ist eine Baustelle. Erdwälle, Gruben, der ganze ehemalige Bahnsteig ist weg. Man ahnt die künftige schöne Liegewiese stattdessen. Aber nein, man liest nach, eine Kastanienallee soll hier gepflanzt werden, sogar ein Künstler ist beauftragt worden. Ein richtig schöner Gedenkplatz wird das werden. Im Kulturpark. Ist hier irgendjemandem etwas vorzuwerfen?Aber nein, wieso auch? Der Anstoß kam von einer besonders pragmatisch-grünen Kulturdezernentin.

Und ja, das Gatter ist noch da. Neben der übriggebliebenen Fabrikecke. Zwei Gatterelemente stehen aufrecht zwischen den Erdhügeln. Geschätzte zwei Meter Erinnerung. Wenn das Erinnerungsgraffiti wieder einmal hergestellt ist – es wird versaut sein binnen Halbjahresfrist, ach was, – ich als Jugendlicher würde mich auch herausgefordert fühlen, diese Art von „Gedenken“ kreativ weiterzuentwickeln.

Es gibt Denkmäler, die sind schlimmer als das Nicht-Gedenken. Es gibt „Denkmäler“, die sind das Nichtgedenken.

Es gab ein langes rostiges Gatter, an einem aufgelassenen Bahnsteig in Wiesbaden. Es war furchtbar.

Und es ist weg. Aber die Landeshaupstadt Wiesbaden ist besonders gedenkfreudig. So ein schönes Gedenken.

Hurra. Hurra. Hurra

Zum Nachlesen: Allerbeste  Intentionen, schönste Worte, faireweise zu sagen, Leute, die wohl kaum mitentschieden haben.