Pinienfett

19. September 2009

Immer diese Krankenakten. Akten in der Farbe von Staub, die ihm Fragen nach Schmerzzuständen und Wahnvorstellungen, nach Bedeutung, Kategorie und Entwicklung zuschrieen, die schließlich brutal nach einem definitiven, abgewogenen, aus Kausalsätzen aufgebautem Urteil verlangten, das er dort und hier und da erneut, einzutragen hatte. Lächerlich, wo er doch bei der Frage nach dem Namen des behandelnden Arztes bereits nicht mehr weiterwußte. Benn? Benn? Wer war das noch gewesen?

Unterarzt Benn spürte das Verlangen, seine heißgelaufene Stirn gegen die Fensterscheibe zu pressen.

Ja genau, eine Küste voller Buchten sein, getupft von seidenen Segeln, bloß keine zypressenschattige Toteninsel, mit unberührten Kieseln und marmorkalten Bänken, wo nur der Wind über eherne Tempelgiebel streicht und raschelnde Blätter aufscheucht.

Vernehmlich klatschten nun Regentropfen an die Scheibe, während er weiterhin versuchte, dem Verlangen nach einer Berührung der Stirn mit dem kühlenden Glas standzuhalten.

Ich will vielleicht noch lieber eine umgestürzte Säulentrommel sein, im olivenreichen Hermenhain, auf der sich Vestalinnen mit Pinienfett salben. Genau! Das will ich!

Jetzt lächelte Unterarzt Benn fast. Und es war dieser Anflug eines Lächelns, der sich in der Scheibe spiegelte, und von dort herausfordernd durch den ganzen Raum warf.

Gottfried

11. August 2009

Der Junge mit den hellgrauen Augen mochte die Bilder langanhaltender Untergänge. Statischer Untergänge, die man sich in Ruhe von allen Seiten besehen konnte. Er ging in der Abenddämmerung spazieren, ging am Schilf entlang, roch das Wasser, setzte sich ins feuchte Gras und hielt erregt den Atem an. Land der Wendenkreuzzüge, vergessene Massaker am Rand eines Entenpfuhles, in blanken Halsstümpfen, das Glitzern der kontinentalen Sonne. Das also nannte man: die Geschichte. Gottfried war immer der letzte der Geschlagenen, der Überlebende, in seinen kindlichen Schlachtenbildern. Ein Versprengter. Besudelt die Felle, schartiges Schwert, voller Dellen die Rüstung. Verführerische Agonie des Rückzugs bis die Frösche aufhörten zu quaken, weil die Mutter herüberrief. Meist gab es Pflaumenmusbrote zum Abendessen.

Die Sonne steht als fahlgelber Kreis, ganz ausgelaugt, im Zenit des Nebelhimmels; diese Nebel, sie wallen auf und nieder, quellen hervor wie frischverschossenes Pulver. In allen Richtungen flaches Land. Kartoffelfeuerzucken, Kiefernwälder, die Fahrwege morastig. Irgendwo dazwischen schmächtige Dörfer mit dumpf nachhallenden Namen, geduckte Backsteinbauten, schiefe Lattenzäune, östliche, preußische Provinz.

Über allem Schweigen, unerhörte Stille, ein Vakuum. Bis im Hintergrund etwas metallisch kreischt und knirscht, wahrscheinlich die ungeölten Laufwerksketten eines T34 der Stoßarmee des General Schukow.

Plötzlich also der Gestank verbrannten Gummis, schwarze Qualmkeile spalten die weißen Wände, zerrissene Nebelschwaden, gesplitterte Telegraphenmasten, ein Krad mit Seitenwagen zeichnet sich ab. Umgeworfen im Straßengraben, die Räder drehen sich noch. Unter dem verbeulten Metallhaufen zittert ein feldgrauer Arm. Schüsse krachen und dann flutet es auch schon heran, eine wahre Brandung, das Brüllen der Rotarmisten: Urä! Urä! Erdbraune Schemen setzen über den Straßengraben hinweg und tauchen wieder ein ins Nichts und sind verschluckt.