Aus der Jungle World No.45/ 2013

Ein historischer Kern der islamischen Überlieferung sei nicht belegt, schreibt der Historiker Tom Holland. Auch andere Wissenschaftler stellen die Gewissheiten des orthodoxen Islam in Frage, doch die Debatte wird bislang nur im Westen geführt.

Für einen hartgesottenen Salafisten irgendwo in seinem Wüstencamp müsste die Lektüre von Tom Hollands Buch »Im Schatten des Schwertes« über die Ursprünge des Islam und die arabische Expansion einem Albtraum gleichkommen. Der Koran? Vermutlich lange nach Mohammeds Tod geschrieben. Die Hadithen, die gesammelten Aussprüche Mohammeds? Ihre Ableitung von Zeitzeugen ist fiktiv, auch sie sind historisch in einer späteren Zeit zu verorten und sind damaligen politischen Gegebenheiten folgend immer wieder neu- und umgeschrieben worden. Und Mohammed? Man weiß eigentlich gar nichts über ihn – jedenfalls nach den Maßstäben kritisch-rationalen Wissenschaftsverständnisses.

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Die nackte Katastrophe

13. August 2013

Aus der Jungle World No.28/ 2013

Was haben Sexualität und Geschlechterbeziehungen mit den arabischen Revolten zu tun? Shereen El Fekis Buch »Sex und die Zitadelle« beschreibt das dürftige Liebesleben in der arabischen Welt und die Versuche, daran etwas zu ändern.

Vor mehr als 1 000 Jahren im Reich der abbasidischen Kalifen war alles ganz anders und wunderbar, zumal der Sex, und irgendwann wird einmal auch wieder alles gut sein. Derzeit gibt es allerdings ein paar gravierende Probleme der islamischen Welt mit der Sexualität. In der Theorie ist das eigentlich bloß ein Missverständnis. Aber die Praxis sieht furchtbar aus.

So ungefähr lässt sich die Geschichte zusammenfassen, die Shereen El Feki, deren Eltern aus Wales und Ägypten kommen, in ihrem vielbeachteten Buch »Sex und die Zitadelle« vom »Liebesleben in der sich wandelnden arabischen Welt« erzählt. Ihr Rekurs auf eine selige Frühzeit der Religion, die 1 001 Jahre zurückliegt, ist nicht die stärkste Seite ihres Buches, aber für den Diskurs zum Thema Islam immer noch charakteristisch – man stelle sich einmal vor, in einem Buch über Sexualität im zeitgenössischen Europa wäre immer wieder die Rede vom Zeitalter Karls des Großen oder von Minneliedern im Hochmittelalter. Der gutgemeinte Hinweis auf vergangene, vermeintlich goldene Zeiten ist in Wahrheit verheerend, er zeigt wie dringend ein positives Gegenbild gebraucht wird, irgendeines, um beim Blick in den Abgrund der Gegenwart, den El Fekis Schilderungen beschreiben, nicht dem Fatalismus zu verfallen. Den Rest des Beitrags lesen »

Zwei Wochen im Krieg

1. September 2012

Aus der Jungle World 35/2012

Jonathan Littells »Notizen aus Homs« sind ein Appell an den Westen, im Syrienkonflikt nicht wegzuschauen.

Jonathan Littells neues Buch »Notizen aus Homs« beginnt mit einem wuchtigen Satz: »Dies ist ein Dokument, kein literarisches Werk.« Aber so ganz stimmt das nicht. Der in den USA geborene Autor ist mit »Die Wohlgesinnten«, einem umstrittenen Roman über einen SS-Mann, international bekannt geworden. Spätestens seit er die französische Staatsbürgerschaft angenommen hat, ist er Anwärter auf die Position eines Großintellektuellen; eine Position, die in Frankreich jedoch nicht mit dem Verfassen seltsamer Gedichte im belehrenden Gestus eines Günter Grass verbunden ist, sondern mit der Aura von persönlicher Zeugenschaft und dem Appell an so etwas wie »Freiheit«. Littell hat über Tschetschenien geschrieben und über den Krieg zwischen Georgien und Russland. Im Auftrag der Zeitung Le Monde hat er im Januar 2012 gemeinsam mit einem Fotografen zwei Wochen in der syrischen Stadt Homs verbracht, in die er sich mit Hilfe von Aufständischen einschmuggeln konnte. Die Kämpfe in Homs und insbesondere in dem von der Armee belagerten Stadtviertel Bab al-Amr standen zu dieser Zeit im Zentrum der Berichterstattung. Bab al-Amr geriet kurz nach der Abreise Littells Anfang Februar unter einen vierwöchigem Dauerbeschuss, die Aufständischen mussten sich schließlich aus dem völlig zerstörten Stadtteil zurückziehen. Auch zwei westliche Journalisten starben hier. Bei der Evakuierung der restlichen Berichterstatter durch die Rebellen kamen über ein Dutzend Kämpfer ums Leben. Diese Ereignisse konnte Littell ebenso wenig vorhersehen wie die Erfolge der Rebellenarmee seit dem Frühsommer und die internationale Unterstützung, die sie mittlerweile erhält. Den Rest des Beitrags lesen »

Aus der Jungle World No. 13/ 2011

Von Kairo über Teheran zurück ins irakische Nassiriyah in der Ära Saddam Husseins: Oliver M. Piecha stellt drei literarische Neuerscheinungen vor, die helfen können, die Lage im Nahen Osten besser zu verstehen.

Die jüngsten Vorgänge in der Welt des Nahen Ostens haben wieder einmal bewiesen, dass weder so genannte Experten noch Geheimdienste besonders hellseherisch veranlagt sind. Alle erklären die Dinge immer nur im Nachhinein. Womöglich lesen sie einfach zu wenig Literatur. Denn hier werden zwischen Buchdeckeln tiefere Wahrheiten über Gesellschaften, Revolutionen und Proteste preisgegeben als in einem »Nachrichtenticker«.

So auch in Chalid al-Chamissis Roman »Im Taxi«, der aus 58 Miniaturen besteht und die Kairoer Taxifahrer zu Wort kommen lässt, bei denen der Erzähler eingestiegen ist. Den Rest des Beitrags lesen »

Eine neue Dimension

24. Februar 2011

Aus der Jungle World No. 8/ 2011

Wie immer man die einzelnen Revolten in den arabischen Autokratien beurteilen mag, die Entwicklung ist unbestreitbar revolutionär. Die Bedenkenträger begreifen nicht, was gerade im Nahen Osten passiert.

Der Nahe Osten befindet sich in einem gewaltigen Umbruch. Dieser hat nicht erst vor vier Wochen begonnen und er wird nicht in vier Wochen enden. Angefangen hat er spätestens mit dem Sturz von Saddam Hussein, danach folgten erste demokratische Massenbewegungen im Libanon und im Iran, die jedoch wieder stagnierten oder in Terror und Konfusion umschlugen. Seit dem Abflug von Ben Ali aus Tunesien jedoch gibt es offensichtlich kein Halten mehr, und nach dem Abgang Mubaraks bleibt nur noch die Frage, was denn noch undenkbar sein könnte in dieser Region. 40 Jahre Gaddafi? Abgehakt. Wie wird der Nahe Osten in einem Jahr aussehen, in zwei oder auch in vier Wochen? Und wer weiß, wie weit die Erschütterungen mittelbar noch reichen werden, bis in das subsaharische Afrika oder gar nach China?

Sind es Revolten, Aufstände, Proteste, die wir da beobachten, oder gar Revolutionen? Sofort wird von manchen eingewandt, nein, Revolutionen seien das nicht, nicht ohne Wechsel des Systems, nicht solange nur Personal ausgetauscht wird, und überhaupt, man wisse nicht so recht, und zum Schluss reden sowieso immer alle nur über die Muslimbrüder. Man könnte mit Amir Taheri auch etwas spöttisch die Frage stellen, ob es sich etwa im Fall Ägyptens nicht vielmehr um den Versuch handele, aus einer alten Revolution endlich einen Ausweg zu finden. Es bleibt sich gleich, zum Abschied von den Ideologien des vergangenen Jahrhunderts gehört es auch, dass die spezifische Benennung der Vorgänge zwischen Tunis und Teheran ziemlich irrelevant ist. Und ob man nun in Europa mahnt, rät, ablehnt, zustimmt oder ignoriert – es passiert trotzdem. Entscheidend ist, dass Menschen in Sana’a, Bengasi und Manama für sich Demokratie, Freiheit und ein Ende ihrer Unterdrückung einfordern. Eigentlich ist das nicht so schwierig zu verstehen. Den Rest des Beitrags lesen »

Von Tunis nach Teheran

14. Februar 2011

Ein langer Weg, aber nicht unendlich.

Watch out for the Jungle Blog!

Zu den Wikileaks-Dokumenten wäre noch zu ergänzen: außer Klatsch und Stilfragen bieten sie auch irritierende Materialien für die Vorurteilsforschung. Warum verhalten sich Menschen eigentlich in Wirklichkeit so, wie man es von ihnen erwartet, wobei diese Erwartungshaltung doch nur auf purem Ressentiment und der kritiklosen Übernahme von Stereotypen beruht? Warum inszenieren sich lateinamerikanische Staatsmänner im Sinne ihres machismo als starke Jungs beim diplomatischen Festbankett (Hey komm rüber, wenn Du dich traust – Ne, komm Du doch rüber), und warum führt der Wüstensohn sein ganz persönliches Psychodrama um verletzten Stolz als Spiel um das Schicksal von unzähligen Menschen auf?
Da standen also im November und Dezember letzten Jahres ein paar Metallboxen auf einem libyschen Feldflughafen herum. Den Rest des Beitrags lesen »

Haben Sie sich heute schon Gedanken über Religion gemacht? Zum Beispiel den Islam? Was? Wieso bloß nicht? Also jetzt aber schnell die Frankfurter Rundschau zur Hand genommen: Mit diesem Beitrag eröffnen wir eine Serie über die Geltung der Menschenrechte und ihr Verhältnis zum Religiösen – Anfechtung oder Bestätigung?

Vielleicht beharren Sie darauf, daß Sie die Idee der Menschenrechte ziemlich in Ordnung finden, aber der Islam Sie in diesem Zusammenhang überhaut nicht interessiert? Vielleicht interessiert er sie auch in anderen Zusammenhängen nicht sehr, womöglich genausowenig wie der Buddhismus oder der Cargo Cult oder die Wotansverehrung, aber dann haben Sie eben nur Glück gehabt. Denn wären Sie „Muslim“, dann müßte die Frage Sie interessieren. Ja, dann muß sie das. Keine Chance zu entkommen. Das findet offensichtlich auch die Rundschau. Denn wenn Sie “Muslim” sind, dann Sie irgendwie anders als die anderen. Doch, ist angeblich so.

Die Frage, ob der Islam mit den Menschenrechten vereinbar ist oder nicht, stellt sich heute allerorten.

Eben. Ob an einer amerikanischen Universität, wo Abdullahi Ahmed An-Na’im, ein liberaler Islamreformer, der Autor des FR-Beitrages, lehrt, oder in der Redaktion der Rundschau, in Folterkellern zwischen Casablanca und Karatschi, oder auf dem Mars – wenn es denn dort Muslims gäbe – überall stellt sie sich, diese Frage, wo ein „Muslim“ ist. Armer Muslim. Den Rest des Beitrags lesen »

Aus der Zeitschrift Phase 2, Nr. 37

Über partikulare Interessen und universelle Werte in der Diskussion um internationale Interventionen

Der Geruch, die Geräusche? Ob die Frauen geschrien haben beim Verbrennen? Oder saßen sie nur stumm in den Flammen, selbstzufrieden, mit sich und der Welt im Reinen, sogar glücklich, weil sie ihrer ureigenen kulturellen Auffassung vom Weg, den eine treue Witwe mit dem verstorbenen Ehemann teilen sollte, so beredt bzw. schweigend beredt Ausdruck geben konnten. Vielleicht haben sich aber auch bloß die männlichen Verwandten beim Anblick so einer brennenden Witwe über ein größeres Erbe gefreut, zumindest in Bengalen, wo die Frauen auch volles Erbrecht besaßen und wo das Zeremoniell der rituellen Witwenverbrennung Anfang des 19. Jahrhunderts besonders virulent war.

Jedenfalls solange bis die koloniale Unterdrückungsmaschinerie zuschlug. Als sich eine Abordnung hinduistischer Würdenträger bei einem englischen General über die Missachtung ihres traditionellen Brauchtums und ihrer angestammten Kultur beschwerte – die Witwenverbrennung war gerade von der Besatzungsmacht verboten worden – bekam sie vom General zur Antwort: »Es ist euer Brauch Witwen zu verbrennen. Nun gut. Wir haben auch einen Brauch; wenn Männer Frauen verbrennen, legen wir eine Schlinge um ihren Hals und hängen sie auf. Ihr mögt euren Gebräuchen folgen – so wie wir auch.« Den Rest des Beitrags lesen »