Die Stunde der Stämme
21. Juni 2011
Aus der Jungle World 24/2011
Präsident Ali Abdullah Saleh hat den Jemen verlassen, doch die Kämpfe dauern an. Was als Protest der Demokratiebewegung begann, könnte zu einem Bürgerkrieg eskalieren.
Der Jubel kam zu früh. Als die Demonstranten in der jemenitischen Hauptstadt Sanaa und Den Rest des Beitrags lesen »
Vatertag, Mütterland
1. Juni 2011
Aus: Auf Entzug, erschienen in dem Sammelband Dame mit Fächer. Erzählungen, Edition 6065, Wiesbaden. 
Er weiß nie, was für ein Gesicht er machen soll, von Trauer erfüllt, wütend, entsetzt, wenn man ihn nach seiner Tochter fragt. Manchmal frage die Leute so etwas. Er sagt dann bloß: Gut. Es geht ihr gut. Soll er sich ein Schild umhängen, daß man ihn solches nicht fragen dürfe? Dann hätte es außerdem jeder gewußt. Er will aber nicht, daß es jeder weiß, daß es endgültig ist, daß er nämlich ein Vater ohne
Sie würde ihn vermissen. Hatte man ihm hier und da versichert. Nachts, auf einschlägigen Internetseiten, las er ähnliches. Sehr hoffnungsvoll. Sie würde ihn also vermissen. Irgendwann einmal. Bestimmt. Natürlich. Sie würde Fragen stellen. Er wußte sogar schon an wen. An jemanden, den sie wegen allem zuerst fragte, weil diese Person es gar nicht ertrug, wenn man sie nicht zu allem zuerst befragte. Seine Tochter würde also fragen, warum sie keinen Vater habe. Und möglicherweise würde sie auch fragen, warum all die Kinder, mit denen sie befreundet sein mußte, die Kindern von den Bekannten dieser Person also, auch keine Väter hätten. Und vielleicht würde sie sich sogar trauen zu fragen, warum diese Person selber ebenfalls keinen Vater gehabt habe. Und schlußendlich würde sie wohl fragen, ob es denn so etwas überhaupt geben könne, Kinder mit Vätern? Aber das sei ja wohl absurd. Absurd würde sie sicherlich nicht sagen, sie würde komisch dazu sagen, oder schräg, oder einfach blöd. Genau, sie würde sagen, Kinder mit Vätern, das ist ja total blöd. Nickend würde daraufhin die Person antworten, daß es so etwas wie Kinder mit richtigen Vätern ganz bestimmt nicht gebe. Nun ja, außer in manchen Fernsehserien, oder in Walt-Disney-Filmen. Jedoch, so würde diese Person belehrend fortfahren, hätten in solchen Filmen und Serien die Kinder zwar des öfteren Väter, doch seien dies gänzlich fiktive Darstellungen, und sobald der Nachspann einsetze, seien die Väter bereits wieder entfernt worden. Man müsse, würde diese Person abschließend seine Tochter ermahnen und sie begütigend an sich drücken dabei, es irgendwann einmal lernen, zwischen Film und Wirklichkeit zu unterscheiden.
Ein Mahdi wird kommen
13. Mai 2011
Aus der Jungle World No. 19/ 2011
Im Iran spitzt sich der Machtkampf zwischen Mahmoud Ahmadinejad und dem religiösen Führer Ali Khamenei zu. Die Fraktion des iranischen Präsidenten fürchtet um ihre institutionelle Macht.
Ein Minister tritt zurück. Er besitzt nicht mehr das Vertrauen des Regierungschefs. So etwas kommt in den besten Regierungen vor. Nur: Es ist der Geheimdienstminister der Islamischen Republik Iran, und der Regierungschef heißt Mahmoud Ahmadinejad. Gemessen an konventionellen Maßstäben wird ein solcher Vorgang also kaum »normal« ablaufen. Und so war der Geheimdienstminister, den Ahmadinejad loswerden wollte, nach einigen Stunden wieder oder immer noch Geheimdienstminister, dank der Intervention des religiösen Führers Ali Khamenei. Woraufhin der Präsident sich entschloss, öffentlich zu trotzen, und elf Tage lang die eigenen Kabinettssitzungen boykottierte sowie offiziellen Terminen fernblieb. Nachdem eine Delegation des Parlaments beim Präsidenten vorstellig geworden war und diverse Mahnworte des religiösen Führers gesprochen waren, entschloss sich Ahmadinejad schließlich, weiter zu regieren. Was nun bei der nächsten Kabinettssitzung genau geschah, darüber gehen die Meinungen, je nach politischer Fraktion, auseinander. Auf den offiziell verbreiteten Fotos war der Geheimdienstminister jedenfalls nicht zu sehen. Den Rest des Beitrags lesen »
Eine schrecklich nette Familie
5. Mai 2011
Aus der Jungle World No. 18/ 2011
Außenpolitisch hat das Regime von Bashar al-Assad wenig zu fürchten. Gegenüber den USA und Europa empfahl es sich stets als reformbereite, berechenbare Kraft im Nahen Osten. Und dem Iran gilt das Land als wichtiger Verbündeter. Stets konnte Assad potentielle Gegner vor die Wahl stellen: entweder er – oder das Chaos. Nun sind es die Syrer selbst, die das Regime unter Druck setzen. Auch wenn die Familiendiktatur der Assads die Aufstände niederschlagen lässt – Syrien ist nicht mehr die stabile Kraft im Nahen Osten.
Erst rollen Panzer in die Stadt, Scharfschützen besetzen Dächer, wer vor die Haustür tritt, muss damit rechnen, erschossen zu werden – die syrische Armee rückt in Städte des eigenen Landes ein, als handle es sich um eine Invasion in Feindesland. Am brutalsten verlief dabei die Besetzung des südsyrischen Deraa, der Stadt, in der die Proteste vor Wochen ihren Anfang nahmen. Die Soldaten durchsiebten mit ihren Kugeln gar die Wassertanks auf den Dächern. Wer den Präsidenten nicht liebt, soll zumindest Durst leiden. Den Rest des Beitrags lesen »
Aus der Jungle World No. 13/ 2011
Von Kairo über Teheran zurück ins irakische Nassiriyah in der Ära Saddam Husseins: Oliver M. Piecha stellt drei literarische Neuerscheinungen vor, die helfen können, die Lage im Nahen Osten besser zu verstehen.
Die jüngsten Vorgänge in der Welt des Nahen Ostens haben wieder einmal bewiesen, dass weder so genannte Experten noch Geheimdienste besonders hellseherisch veranlagt sind. Alle erklären die Dinge immer nur im Nachhinein. Womöglich lesen sie einfach zu wenig Literatur. Denn hier werden zwischen Buchdeckeln tiefere Wahrheiten über Gesellschaften, Revolutionen und Proteste preisgegeben als in einem »Nachrichtenticker«.
So auch in Chalid al-Chamissis Roman »Im Taxi«, der aus 58 Miniaturen besteht und die Kairoer Taxifahrer zu Wort kommen lässt, bei denen der Erzähler eingestiegen ist. Den Rest des Beitrags lesen »
Die letzte Bastion
5. April 2011
Aus der Jungle World No. 13/ 2011
Das syrische Regime verspricht Reformen, lässt aber auf Protestierende schießen. Sein Sturz würde die Machtverhältnisse im Nahen Osten grundlegend ändern.
Ein unmissverständliches Anzeichen dafür, dass eine Revolte in einem Land des Nahen Ostens in die erste Liga aufsteigt, ist die Einrichtung eines Liveblogs, etwa beim Sender al-Jazeera. Im Fall Syriens war es am 25. März soweit, als auf die Demonstranten in Deraa geschossen wurde. Nach drei Tagen lag die Zahl der bestätigten Todesopfer über 20, Schätzungen der Opposition sprachen bereits von mehr als 100. Die Gewalt eskalierte auch in anderen Städten, Videoclips zeigte jubelnde Menschen beim Herunterreißen von Porträts des Präsidenten, Geheimdienstgebäude wurden gestürmt, Eliteeinheiten der Armee vorgeschickt und wieder zurückgezogen. Vieles erinnerte an die Dynamik der Geschehnisse in anderen Ländern der Region, anderes scheinbar nicht. Den Rest des Beitrags lesen »
Wir waren’s nicht!
1. April 2011
Aus der Jungle World No. 13/ 2011
Dass seine Kollegen in der Arabischen Liga Kampfeinsätze gegen ihn unterstützen, hätte sich Gaddafi vor einem Jahr wohl kaum vorstellen können. Immerhin kommt für viele überraschend, dass die Liga überhaupt politische Verantwortung übernommen hat – offenbar sogar für sie selbst.
Vor genau einem Jahr fand im libyschen Küstenort Sirte, der Herkunftsstadt Muammar al-Gaddafis, das jährliche Gipfeltreffen der Arabischen Liga statt. Gaddafi wurde als Gastgeber für ein Jahr automatisch Vorsitzender eines Vereins, der 2010 auf ein 65jähriges Bestehen zurückblicken konnte. Ein Jahr später kämpfen libysche Rebellen in der Wüste vor Sirte gegen Gaddafis Regierungstruppen. Die Rebellen haben es bis hierher geschafft, weil sie von den Kampfbombern einer Koaliation unterstützt werden, die sich dabei auf eine UN-Resolution beruft, für die die Arabische Liga mitverantwortlich ist. Es war die erste wirklich mutige Entscheidung dieser Vereinigung, die eigentlich schon längst am Ende war. Dafür war das Jubiläumstreffen in Sirte ein eindrucksvoller Beweis. Die Mindestanforderung an solch ein Treffen würdiger Staatsoberhäupter ist, dass ein wenig gegenseitige Achtung und zwischenmenschliche Kommunikation inszeniert wird. Der Gastgeber darf sich geehrt fühlen und viel Brimborium veranstalten, und am Ende lächeln alle in die Kameras, während ein nichtssagendes Schlusskommunique verlesen wird. Mehr als dieses Ritual brachte die Organisation, die einst im Zuge der Entkolonialisierung und des beginnenden Kalten Kriegs gegründet wurde, schon lange nicht mehr zustande. Den Rest des Beitrags lesen »
Und darauf eine Flasche Riesling
30. März 2011
(„Resi Denz am Schifffahrtskanal„)
Kurt Beck bekommt wohl doch kein Denkmal in Form einer Brücke über den Strom im Mittelrheintal. Der letzte sozialdemokratische Landesvater muß abspecken. Die Moseltalverhunzbrücke wird auch fallen! Wir leben nicht mehr in den siebziger Jahren: Beton, Beton, Beton. Und drei Pflanzkübel nahebei.
Zweitausend Jahre Kulturlandschaft gegen den genau drei Kubikmeter mit groben Kieselsteinen durchmischten Zement umfassenden persönlichen Inhalt so eines visionären Großpolitikers.
Einmal, einmal, die Grünen beim Wort nehmen.
Der freie Rhein! Ein Fluß voller Fähren.
Flugverbot für Brother Leader
24. März 2011
Aus der Jungle World No. 12/ 2011
Die Resolution der Vereinten Nationen zur Militärintervention in Libyen will nicht nur den Schutz der Zivilbevölkerung garantieren, logisch zu Ende gedacht zielt sie auch auf einen »regime change« in Libyen. Wie lange sich der internationale Konsens über den Einsatz hält, ist unklar.
von Thomas von der Osten-Sacken und Oliver M. Piecha
Der Zeitpunkt könnte symbolischer nicht sein. Fast auf den Tag genau acht Jahre nach dem Beginn des Irak-Kriegs 2003 fliegen sie wieder, die Tomahawk-Marschflugkörper. Die ganze Inszenierung kommt einem bekannt vor. Ultimaten laufen ab, Korrespondenten berichten von Luftwaffenstützpunkten, ein Diktator schwingt in seiner Hauptstadt patriotische Reden und droht der restlichen Welt mit Krieg und Vernichtung. Auch die deutsche Friedensbewegung macht bereits mobil. Nur ist es diesmal der Sender al-Jazeera, der den Abschuss der Marschflugkörper fast frenetisch begrüßt, während die »arabische Straße« in Bengasi den Kriegsbeginn mit Salven aus Kalaschnikows feierte – und die Beteiligten dabei von al-Jazeera als »pro-democracy fighters« bezeichnet werden. Ein Militäreinsatz zumal, der mit ausdrücklicher Unterstützung der arabischen Liga begonnen wurde.
Spätestens seit Beginn des libyschen Aufstandes am 17. Februar scheint die Weltpolitik also einem Drehbuch zu folgen, das noch vor drei Monaten als absurd zurückgewiesen worden wäre. Den Rest des Beitrags lesen »
Hier riecht es nicht nach Tränengas
11. März 2011
Aus der Jungle World No. 10/ 2011
Das iranische Regime leugnet, dass es im Land Proteste gibt. Doch das Verschwinden zweier Oppositionsführer offenbart die Nervosität der Machthaber.
Wen irritieren die Ereignisse im Nahen Osten nicht? Der neue iranische Außenminister Ali Akbar Salehi, eines der wenigen Mitglieder der Regierung Mahmoud Ahmedinejads, das in Wortwahl und Habitus international präsentabel ist, sagte: »Wir glauben, das ist ein authentisches Ereignis, die Menschen sind aufgestanden, um für ihre Rechte zu kämpfen, aber wir haben nie gedacht, die Dimension der Ereignisse würde so groß sein; wir sind überrascht.« Nicht überraschend war Salehis Behauptung, dass es in der Islamischen Republik Iran zu ähnlichen Ereignissen wie in Libyen oder Ägypten nicht kommen könne. Schließlich seien Volk und Regierung im Iran einig, und die Regierung sei aus dem Volk hervorgegangen. Wer nicht dieser Meinung ist, so wird man diesen Gedankengang im Sinne der iranischen Propaganda fortsetzen dürfen, ist ein Aufrührer und verschwindet im Gefängnis. Den Rest des Beitrags lesen »