Bewaffenen und mitreden

7. April 2013

Aus der Jungle World 12/2013

Hinsichtlich einer Intervention in Syrien ist sich die EU uneins, die USA intervenieren zumindest nicht offiziell. In der Region nehmen die Konflikte zu.

Man weiß nicht so recht, was unwahrscheinlicher klingt: dass es für den Konflikt in Syrien eine Lösung gibt, die nicht in der totalen Zerstörung des Landes kulminiert, oder dass es eines Tages so etwas wie eine gemeinsame europäische Außenpolitik geben wird. Die Frage nach dem Umgang mit Syrien hat gerade wieder gezeigt, dass es der Europäischen Union auch nach den französisch-englischen Interventionen in Libyen und Mali wohl nicht gelingen wird, sich auf eine einheitliche Linie zu einigen. Dabei wäre Europa theoretisch einer der wesentlichen Akteure, steht doch im Mai die Verlängerung des europäischen Waffenembargos gegen Syrien zur Debatte. Den Rest des Beitrags lesen »

Ein verlorener Kampf

7. April 2013

Aus der Jungle World 8/2013

Das iranische Regime hat im vergangenen Jahrzehnt in verschiedene Konflikte im Nahen Osten eingegriffen, um in der Region an Einfluss zu gewinnen. Doch die Durchsetzung der eigenen Machtansprüche erweist sich vielfach als schwierig, vor allem in Syrien.

Wer weiß, ob die Tränen echt waren, aber das Bild war bezeichnend: Gramgebeugt saß Qasem Soleimani, der Chef der al-Quds-Einheit, bei der Trauerfeier für den Revolutionswächter Hassan Shateri. Das hochrangige Mitglied der iranischen paramilitärischen Spezialeinheit war in der vergangene Woche in Syrien, vermutlich von Aufständischen, in einem Hinterhalt erschossen wurde. Es läuft derzeit nicht gut für die iranische Machtpolitik im Nahen Osten, die das Regime im Laufe des vergangenen Jahrzehnts aggressiv betrieben hat, um die Rolle des regionalen Hegemons zu setzen. Spätestens seit Beginn der Umbrüche in den arabischen Ländern fällt das mit großen Kosten und Mühen errichtete kleine iranische Imperium, das zuletzt gehofft hatte, durch Kontakte zur Hamas und Hizbollah seinen Einfluss am Mittelmeer zu stärken, langsam in sich zusammen. Den Rest des Beitrags lesen »

Warten auf den Abgang

7. April 2013

Aus der Jungle World 7/2013

In Syrien ist ein bedeutender Teil der Opposition angeblich zu einem Dialog mit dem Regime Bashar al-Assads bereit. Fast allen Beteiligten ist klar, dass es mit ihm kein Ende des Konflikts geben wird, das Angebot ist vielmehr eine Absage an die Islamisten.

Wenn es politisch nicht mehr so rund läuft, die Hauptstadt von Detonationen und Schüssen widerhallt, die Luftwaffe damit beschäftigt ist, die eigene Bevölkerung zu bombardieren, und die Wirtschaftsdaten sehr bedenklich aussehen, ist es an der Zeit, das Kabinett umzubilden. Das signalisiert irgendwie Normalität, vielleicht war das der Grundgedanke Bashar al-Assads. Auf die sieben neuen Minister des syrischen Präsidenten warten jedenfalls gewaltige Aufgaben: der Bauminister könnte sich Gedanken über 2 000 zerstörte Schulen machen, den neuen Finanzmister dürfte beunruhigen, dass der Konflikt das Land jüngsten Schätzungen zufolge über 48 Milliarden Dollar gekostet hat und dass das Bruttosozialprodukt im vorigen Jahr um rund ein Viertel zurückgegangen ist, mit weiteren 60 Prozent Rückgang wird bereits gerechnet. Auch der Agrarminister und das Sozialministerium müssen sich an die Arbeit machen: Die Erntemenge ist unter die kritische Marge gefallen, Syrien kann sich nicht mehr selbst ernähren. Das UN-Flüchtlingswerk geht inzwischen von knapp 800 000 syrischen Flüchtlingen in den Nachbarländern aus, die Zahl der internen Flüchtlinge wird auf über zwei Millionen geschätzt. Vermutlich ist es eine große Erleichterung für die neuen Minister, dass ihr Job im Syrien Assads keine eigenständige Machtposition darstellt und dass niemand von ihnen glaubt, sie könnten an den ökonomischen Problemen tatsächlich etwas ändern. Es geht schließlich nur darum, das Ende des Regimes weiter hinauszuzögern. Den Rest des Beitrags lesen »

And the loser is?….

7. April 2013

Aus der Jungle World 4/2013 (zusammen mit Thomas von der Osten-Sacken)

Zwei Jahre nach dem politischen Umbruch in den arabischen Ländern gibt es mehr Verlierer als Gewinner.

Kaum mehr eine Hoffnung auf Veränderung oder Fortschritt scheint es derzeit in den Ländern des »arabischen Frühlings« zu geben, und so bleibt selbst von Ereignissen, die man noch vor kurzem »historisch« genannt hat, im Handumdrehen nichts als das pflichtschuldige Abarbeiten von Jahrestagen. Es scheint ja gar nichts Wesentliches passiert zu sein, denn in den Metropolen der alten Welt herrscht so etwas wie ewige Gegenwart. Den Rest des Beitrags lesen »

Mursi murkst rum

8. Januar 2013

Aus der Jungle World 48/2012

Erst wird der ägyptische Präsident Mohammed Mursi als Vermittler im Nahost-Konflikt gefeiert, dann versieht er sich mit umfangreichen Vollmachten. Doch gegen seinen kalten Putsch wird in Ägypten heftig protestiert.

Es war eine große Siegesfeier. Nach der Verkündung des Waffenstillstands zwischen der israelischen Armee und der Hamas wurde im Gaza-Streifen die nationale Eintracht beschworen, zwischen den Hamas-Flaggen durfte mit Fatah-Fähnchen gewedelt werden. Am Wochenende hatten sich die mit der Fatah verbundenen al-Aqsa-Märtyrerbrigaden in Gaza dafür gerühmt, ebenfalls Hunderte Raketen auf Israel abgefeuert zu haben. Ein Funktionär der Hamas erklärte den Jubilierenden, die beiden Gruppen seien nun wie eine Hand, ein Gewehr und eine Rakete. Die Gesundheitsbehörden baten aber darum, nicht weiter mit Kalaschnikows in die Luft zu schießen. Diese Art der Freudenbekundung hatte bereits einen Toten und mehrere Verletzte verursacht. Den Rest des Beitrags lesen »

Rat statt Tat

30. November 2012

Aus der Jungle World 47/2012

Dies ist der erste Krieg der Hamas, seit sie sich neue Verbündete gesucht hat. Statt Raketen bekommt sie von jenen vor allem große Worte geliefert.

Es ist so etwas wie ein politisches Gesetz des Nahen Ostens: Wenn die ganz großen Worte fallen, dann sind die Taten entsprechend kleiner. Symbolpolitik ersetzt in der Region oft das praktische politische Handeln, ein Umstand, der bei Beobachtern im Westen immer wieder zu Irritationen führt. Die Verhältnisse im Nahen Osten scheinen seit dem Beginn der arabischen Aufstände noch verwirrender geworden zu sein. So stand die Hamas ganz verlässlich immer auf Seiten Syriens und des Iran, jedenfalls bis Bashar al-Assad beginnen musste, um sein Überleben zu kämpfen, während der Emir von Katar sich mit Schecks wedelnd für einen Staatsbesuch in Gaza anmeldete. Den Rest des Beitrags lesen »

Im Wald geblieben

29. Oktober 2012

Aus der Jungle World 43/2012

Die Ausstellung »Schwarze Romantik« im Frankfurter Städel verläuft sich in den Albträumen verschiedener Epochen.

Der Begriff »Romantik« ist abgenutzt und vage, und lange ist es her, dass man ihn ideologiekritisch untersucht hat. Längst ist alles und nichts romantisch, mal ist damit die künstlerische Epoche zu Beginn des 19. Jahrhunderts gemeint, mal wird damit ein emotionaler Zustand bezeichnet, manchmal ist es bloß ein anderes Wort für Kitsch. Als »romantisch« gilt die Teekerze am Badewannenrand, besonders schwer romantisch sind die düsteren einsamen Landschaften Caspar David Friedrichs. Wahnsinn, Verwesung und Frankenstein sind aber auch romantisch, das ist dann die »Schwarze Romantik«, die zurzeit in einer Ausstellung im Frankfurter Städel präsentiert wird.

Gegen Ende des 18. Jahrhunderts entsteht in England eine Vorform des Horrorromans, die Gothic Novel, bald beginnen auch die ersten Maler, befremdliche Dinge in den Blick zu nehmen: Goya malt Kannibalen, Hexen, Vergewal­tigungen und Kriegsgreuel, William Blake zeichnet religiös verbrämte Fantasy-Monster. Es war die künstlerische Auseinandersetzung mit den Nachtseiten der Aufklärung, die Sphäre des Traumes wurde entdeckt, eine Ahnung vom Unbewussten entstand. Der Schrecken über die finsteren Potentiale der entfesselten Zivilisation suchte im Zeitalter der Revolution und des Terrors seinen Ausdruck. Goyas berühmter Stich »Der Schlaf der Vernunft gebiert Ungeheuer« versinnbildlicht diesen Prozess. Die Ausstellung versucht, eine Linie von den Anfängen der Schwarzen Romantik bis hin zu den Symbolisten und Surrealisten zu ziehen. Folgt man dieser weiten Auslegung, dann erscheint die Romantik als integraler Bestandteil der Moderne, sie kommt zusammen mit der Aufklärung auf die Welt, sie ist keine Frage des Stils mehr, sondern eine der Perspektive, sie ist im Kern der Blick auf das Bizarre und Abgründige. Den Rest des Beitrags lesen »

Chaostage im Nahen Osten

18. Oktober 2012

Aus der Jungle World 42/2012

Während die ausländischen Unterstützer des syrischen Präsidenten Bashar al-Assad wissen, was sie wollen, bleiben die Ziele der Staaten, die den Regimegegnern helfen wollen, unklar.

Die zwei jüngsten politischen Opfer des »arabischen Frühlings«, der türkische Premierminister Recep Tayyip Erdoğan und sein Außenminister Ahmet Davutoğlu, haben sich das auch mal anders vorgestellt. Berauscht vom scheinbar unaufhaltsamen Siegeszug der AKP, der zu einer Transformation der alten kemalistischen Türkei geführt hat, drängte es sie in die Nahost-Politik, um ihrer neuen AKP-Türkei endlich die gebührende weltpolitische Rolle zu verschaffen.

Die folgenden Aktionen waren immer aufsehenerregend, doch war nie so recht klar, was eigentlich das Ziel war. Da gab es die bewusst gesuchte Konfrontation mit Israel rund um die Gaza-»Solidaritätsflotte«, das Herumpoltern in Richtung Europa, die Selbstpräsentation als »modernes« islamisches Staatsmodell, den Schmusekurs gegenüber dem Iran und Syrien und nicht zuletzt den Traum von einer »neoosmanischen« Türkei als Machtzentrum des Nahen Ostens mit Ambitionen auf noch höhere globale Weihen. Den Rest des Beitrags lesen »

Kulturkampf mit Schmähfilm

27. September 2012

Aus der Jungle World 39/2012

WECKRUF AUS BENGASI

Dass die Bevölkerung in Bengasi gegen ­Jihadisten vorgeht, bringt den Opferdiskurs über den »beleidigten Muslim« durcheinander.

Das Grundmuster ist eine Erfindung der sogenannten iranischen Revolution von 1979: Hass­erfüllte Demonstranten verbrennen US-Fahnen und ziehen vor westliche Botschaften, während sich Politiker in Europa oder Nordamerika reflexhaft devot entschuldigen, egal wie absurd die Forderungen der Demonstranten im Namen ihrer Religion auch sein mögen. Und während der »Tagesschau« sinken die Zuschauer unwillkürlich noch ein wenig tiefer zwischen die Sofakissen, murmeln »Die spinnen doch alle, diese Moslems«, und werden doch das Gefühl nicht los, eine globale Machtübernahme der Islamisten könne womöglich nur noch eine Frage der Zeit sein. Dieses klassische Muster hat über die Jahrzehnte Abwandlungen erfahren; aus agilen bärtigen Sturmtruppen Khomeinis sind Islamistendarsteller geworden, die sich wie zwanghaft selbst karikieren, und in die Reaktionen des westlichen Publikums mischt sich neben Angst und Ressentiments immer öfter eine Art Genervtheit: Nicht die schon wieder.

Denn so sicher wie der Ramadan jedes Jahr kommt, so sicher bringt der alte Nahe und Mittlere Osten periodisch seinen Islamistenpöbel auf die Gasse, um gegen Meinungsfreiheit und liberale Werte zu demonstrieren. Es ist ein Kulturkampf, den ebenfalls die iranischen Mullahs erfunden haben: Der Beginn der Verfolgung Salman Rushdies datiert auf das Jahr 1989. Den Rest des Beitrags lesen »

Lesung anläßlich der Christof-Malchen-Vernissage bei esc-space, Wiesbaden, 22.9.2012.

 

Follow

Bekomme jeden neuen Artikel in deinen Posteingang.